22.4.2002 - Israel-Kundgebung in Göttingen:
„Der Antisemitismus ist im Antizionismus enthalten, wie das Gewitter in der Wolke?“
Jean Amery
„Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod der Juden?“
Jean Paul Sartre
Seit Beginn der IDF-Operation „Schutzwall“ tobt eine antisemitische Welle durch die arabische Welt und Europa. In Marokko und Ägypten fordern Millionen Menschen ihre Regierungen zur Zerschlagung Israels auf, Zehntausende demonstrieren in den europäischen Metropolen für das gleiche Ziel. Als Begleitmusik zu diesen Forderungen geraten jüdische Menschen und Einrichtungen ins Visier von Djihadisten, Faschisten und Antizionisten. Selbst die säkulare und ehemals sozialrevolutionäre PFLP ruft zu Anschlägen gegen Juden weltweit auf. In Frankreich und Belgien brennen Synagogen, in Berlin werden orthodoxe Juden auf der Strasse zusammengeschlagen, und in Djerba sprengen Unbekannte die älteste Synagoge Afrikas in die Luft und töten dabei etwa 20 Menschen.
Während vor den Augen der Öffentlichkeit der Antisemitismus eine Ausbreitung erfährt, wie lange nicht mehr, entwickelt sich in ein moralischer Zorn gegen Israel, der nur noch durch pathische Projektion zu erklären ist. Blüm und der Papst sprechen von Vernichtungskrieg, Möllemann bringt zum Ausdruck, in Palästina würde er sich auch in die Luft sprengen und die Friedensbewegung beteiligt sich an Demos, auf denen Israel eine Wiederholung des Holocausts vorgeworfen wird. Und die Regierung entwickelt Vorschläge, die ihresgleichen suchen: Ein Friedensplan soll dem Nahen Osten aufgezwungen werden, unter maßgeblicher Beteiligung der EU und vor allem auch mit Hilfe der Bundeswehr.
Während die meisten Konservativen noch aus philosemitischer Gewohnheit davor zurückschrecken, deutsche Soldaten im Land der Holocaust-Überlebenden für denkbar zu halten, ist den 68ern an der Regierung–denen Auschwitz seit 99 nichts anderes mehr bedeutet, als die Legitimation zur Kriegsführung–selbst diese Grenze abhanden gekommen. Während also Politiker wie Möllemann dem Terror sekundieren, indem sie ihn zum Widerstand gegen die israelische Besatzungspolitik adeln, nutzt die deutsche Außenpolitik die anti-israelische Stimmung, um neben den USA im Nahen Osten einen Fuß auf den Boden zu bekommen; zur Freude ihrer Bündnispartner wie dem Irak und mit der Option, notfalls auch auf Juden zu schießen, wenn Israel nicht das tut, was Deutschland verlangt.
Offensichtlich gibt es kaum eine Kritik an Israel, die nicht gleichzeitig antisemitische und anti-israelische Ressentiments bedienen würde. Selbst die von deutschen Politikern großzügig geführte Rede vom „Existenzrecht Israels“ zeigt letztlich nur, wie wacklig dieses Existenzrecht in Wahrheit ist: bei keinem anderen Staat wird die Frage nach dessen Bestand überhaupt nur aufgeworfen, wenn er Krieg führt, weil allen klar ist, dass die Option auf Krieg zur Staatlichkeit notwendig dazugehört. Wer also Israel „trotzdem“ ein Existenzrecht zugesteht, statt darüber als Selbstverständlichkeit gar nicht erst zu sprechen, betont letztlich nichts anderes, als dass er es doch noch entziehen könnte, wenn die Juden so weiter machten.
Auch das immer wieder aufscheinende Verständnis für die Ziele der suicide-bombers spricht Bände über die Haltung Deutschlands zu Israel. Obwohl es offensichtlich ist, dass der im Hass auf Israel immer schon latent vorhandene Antisemitismus mittlerweile manifest geworden ist, wird das Handeln der Djihadisten immer noch in den „klassischen“ Kategorien nationaler Befreiungskämpfe bewertet. Diese sehen in Israel aber nichts anderes als die Staat gewordene Ausgeburt einer „jüdischen Weltverschwörung“, in den Juden die weltweit agierenden „zionistischen Agenten“ dieses Staates.
Die Forderungen danach, Juden zu töten, wo man sie trifft, sind mittlerweile kaum noch zu zählen. Die politische Stoßrichtung der Djihadisten ist eben nicht die friedliche Koexistenz mit einem gleichberichtigten jüdischen Staat, sondern die Zerschlagung Israels, die altbekannte Losung: „Treibt sie ins Meer!“
Jenseits der Frage, wie eine Friedenslösung im Nahen Osten zu erreichen ist, wie das Töten dort beendet werden kann, gilt es also, dem weltweit zunehmenden Antisemitismus entgegen zu treten. Und nicht nur, weil der Staat Israel die Reaktion der Juden auf Auschwitz ist, sondern auch, weil er unter kapitalistischen Bedingungen der einzig denkbare Schutz ist, dass nichts vergleichbares noch einmal geschieht, schließt dies eine grundlegende Solidarität mit ihm notwendig ein.
[a:ka], april 2002
Kundgebung am 24.4.02, 18.00 Uhr, Gänseliesel
Aufruf zur Kundgebung unter dem Motto „Solidarität mit Israel–Gegen den Antisemitismus“ am 24.4.2002 um 18 h in Göttingen.
Solidarität mit Israel – gegen den Antisemitismus„Der Antisemitismus ist im Antizionismus enthalten, wie das Gewitter in der Wolke?“
Jean Amery
„Was der Antisemit wünscht und vorbereitet, ist der Tod der Juden?“
Jean Paul Sartre
Seit Beginn der IDF-Operation „Schutzwall“ tobt eine antisemitische Welle durch die arabische Welt und Europa. In Marokko und Ägypten fordern Millionen Menschen ihre Regierungen zur Zerschlagung Israels auf, Zehntausende demonstrieren in den europäischen Metropolen für das gleiche Ziel. Als Begleitmusik zu diesen Forderungen geraten jüdische Menschen und Einrichtungen ins Visier von Djihadisten, Faschisten und Antizionisten. Selbst die säkulare und ehemals sozialrevolutionäre PFLP ruft zu Anschlägen gegen Juden weltweit auf. In Frankreich und Belgien brennen Synagogen, in Berlin werden orthodoxe Juden auf der Strasse zusammengeschlagen, und in Djerba sprengen Unbekannte die älteste Synagoge Afrikas in die Luft und töten dabei etwa 20 Menschen.
Während vor den Augen der Öffentlichkeit der Antisemitismus eine Ausbreitung erfährt, wie lange nicht mehr, entwickelt sich in ein moralischer Zorn gegen Israel, der nur noch durch pathische Projektion zu erklären ist. Blüm und der Papst sprechen von Vernichtungskrieg, Möllemann bringt zum Ausdruck, in Palästina würde er sich auch in die Luft sprengen und die Friedensbewegung beteiligt sich an Demos, auf denen Israel eine Wiederholung des Holocausts vorgeworfen wird. Und die Regierung entwickelt Vorschläge, die ihresgleichen suchen: Ein Friedensplan soll dem Nahen Osten aufgezwungen werden, unter maßgeblicher Beteiligung der EU und vor allem auch mit Hilfe der Bundeswehr.
Während die meisten Konservativen noch aus philosemitischer Gewohnheit davor zurückschrecken, deutsche Soldaten im Land der Holocaust-Überlebenden für denkbar zu halten, ist den 68ern an der Regierung–denen Auschwitz seit 99 nichts anderes mehr bedeutet, als die Legitimation zur Kriegsführung–selbst diese Grenze abhanden gekommen. Während also Politiker wie Möllemann dem Terror sekundieren, indem sie ihn zum Widerstand gegen die israelische Besatzungspolitik adeln, nutzt die deutsche Außenpolitik die anti-israelische Stimmung, um neben den USA im Nahen Osten einen Fuß auf den Boden zu bekommen; zur Freude ihrer Bündnispartner wie dem Irak und mit der Option, notfalls auch auf Juden zu schießen, wenn Israel nicht das tut, was Deutschland verlangt.
Offensichtlich gibt es kaum eine Kritik an Israel, die nicht gleichzeitig antisemitische und anti-israelische Ressentiments bedienen würde. Selbst die von deutschen Politikern großzügig geführte Rede vom „Existenzrecht Israels“ zeigt letztlich nur, wie wacklig dieses Existenzrecht in Wahrheit ist: bei keinem anderen Staat wird die Frage nach dessen Bestand überhaupt nur aufgeworfen, wenn er Krieg führt, weil allen klar ist, dass die Option auf Krieg zur Staatlichkeit notwendig dazugehört. Wer also Israel „trotzdem“ ein Existenzrecht zugesteht, statt darüber als Selbstverständlichkeit gar nicht erst zu sprechen, betont letztlich nichts anderes, als dass er es doch noch entziehen könnte, wenn die Juden so weiter machten.
Auch das immer wieder aufscheinende Verständnis für die Ziele der suicide-bombers spricht Bände über die Haltung Deutschlands zu Israel. Obwohl es offensichtlich ist, dass der im Hass auf Israel immer schon latent vorhandene Antisemitismus mittlerweile manifest geworden ist, wird das Handeln der Djihadisten immer noch in den „klassischen“ Kategorien nationaler Befreiungskämpfe bewertet. Diese sehen in Israel aber nichts anderes als die Staat gewordene Ausgeburt einer „jüdischen Weltverschwörung“, in den Juden die weltweit agierenden „zionistischen Agenten“ dieses Staates.
Die Forderungen danach, Juden zu töten, wo man sie trifft, sind mittlerweile kaum noch zu zählen. Die politische Stoßrichtung der Djihadisten ist eben nicht die friedliche Koexistenz mit einem gleichberichtigten jüdischen Staat, sondern die Zerschlagung Israels, die altbekannte Losung: „Treibt sie ins Meer!“
Jenseits der Frage, wie eine Friedenslösung im Nahen Osten zu erreichen ist, wie das Töten dort beendet werden kann, gilt es also, dem weltweit zunehmenden Antisemitismus entgegen zu treten. Und nicht nur, weil der Staat Israel die Reaktion der Juden auf Auschwitz ist, sondern auch, weil er unter kapitalistischen Bedingungen der einzig denkbare Schutz ist, dass nichts vergleichbares noch einmal geschieht, schließt dies eine grundlegende Solidarität mit ihm notwendig ein.
[a:ka], april 2002
Kundgebung am 24.4.02, 18.00 Uhr, Gänseliesel
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