"Die Lage in Falludscha ist katastrophal":
tagesschau.de: Frau Khammas, wie ist die Lage in Bagdad?
Eman Ahmed Khammas, Direktorin des Bagdader Büros von "Occupation Watch": Am heutigen Montag herrscht hier in der Hauptstadt gespannte Ruhe. Nachdem von US-Soldaten tagelang eine Ausgangssperre aufrechterhalten wurde, konnten wir am gestrigen Sonntag zum ersten Mal wieder unser Haus verlassen. Nach wie vor gibt es aber bewaffnete Zusammenstöße in verschiedenen Stadtteilen Bagdads, vor allem natürlich in Sadr-City.
tagesschau.de: Was wissen Sie über die humanitäre Lage in Falludscha, das etwa 50 Kilometer von Bagdad entfernt von Besatzungstruppen belagert wird?
Khammas: Bis zum Nachmittag gab es widersprüchliche Meldungen über eine Waffenruhe und andauernde Verhandlungen zwischen den Aufständischen und Mitgliedern des Regierungsrates. Dieses politische Geschehen nimmt im Moment aber auch nur einen Teil unseres Interesses ein. Weitaus wichtiger ist für "Occupation Watch" die katastrophale humanitäre Lage. Entgegen der Genfer Konvention belagern die US-Besatzungstruppen weiterhin Falludscha, ohne anscheinend die Folgen für die Zivilbevölkerung abschätzen zu können. Während der brüchigen Waffenruhe in den vergangenen Stunden haben tausende Menschen die Stadt verlassen.
tagesschau.de: Woher wissen Sie das?
Khammas: Wir haben Mitarbeiter in Falludscha, zu denen wir telefonisch Kontakt halten. Was sie berichten, muss außerhalb des Irak öffentlich gemacht werden: Verschiedene westliche Nachrichtenagenturen haben inzwischen die Berichte über hunderte Tote bestätigt, die in der vergangenen Woche in Falludscha zu beklagen waren. Den Krankenhäusern in Falludscha sind die Blutkonserven und die Medikamente ausgegangen. Aus den Gebieten, die von US-Truppen kontrolliert werden, liegen uns Berichte vor, denen zufolge Krankenhäuser umstellt wurden. Die Mediziner mussten dort auf Privathäuser ausweichen.
tagesschau.de: Welche Prognose haben Sie für die militärischen Konfrontationen – ist es nur ein Aufflammen von Gewalt?
Khammas: Man sollte im Ausland versuchen, sich in die Lage der irakischen Bevölkerung zu versetzen: Seit einem Jahr leben wir selbst in der Hauptstadt in einer äußerst prekären Sicherheitslage. Oft fehlt es am Nötigsten, Strom und Wasser fällt immer wieder aus. Der Wiederaufbau der Infrastruktur kommt kaum voran. Als die Menschen begannen, gegen diese Situation zu protestieren, gab es schon im vergangenen Jahr die ersten gewaltsamen Zusammenstöße mit den Besatzungstruppen. Die Soldaten der verschiedenen Besatzungstruppen sind nervös und überfordert. So sind auch die massiven Überreaktionen zu erklären. Inzwischen werden 500-Pfund-Bomben in Wohngebieten eingesetzt, nach Einbruch der Dunkelheit auf Pkw Panzerfeuer eröffnet. All das heizt die Lage weiter an.
tagesschau.de: Eine exponierte Rolle in dem aktuellen Aufstand spielt der junge schiitische Geistliche Muktada al Sadr. Ist er mit seinen gerade einmal 30 Jahren nicht aber politisch isoliert, der Zusammenbruch seiner Revolte nur eine Frage der Zeit?
Khammas: Sehen Sie, ich repräsentiere keine politische Gruppe oder Partei. "Occupation Watch" ist ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen, die die Entwicklung unter der US-Besatzung beobachten und dokumentieren. Auf Ihre Frage kann ich Ihnen also getrost antworten, dass die These der politischen Isolation al Sadrs eine Erfindung ist. Er verfügt über eine enorme Basis in den ärmeren Teilen der Bevölkerung, nicht nur im Süden des Landes, sondern auch in Bagdad.
tagesschau.de: Birgt das nicht Konfliktpotenzial? Immerhin ist der Irak westlich von Bagdad sunnitisch dominiert?
Khammas: Ich weiß, worauf Sie anspielen. Es heißt immer wieder, im Irak drohe ein Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten. Für mich ist das Teil der Kriegspropaganda, denn der mitgedachte Nebensatz heißt: "…und deswegen müssen die Besatzungstruppen in Irak bleiben." In der jüngeren Geschichte des Irak hat es keinen Bürgerkrieg gegeben. Und es wird keinen geben. Der einzige Krieg, unter dem die Menschen jetzt gerade leiden, wird von den Besatzungstruppen geführt. Als die völkerrechtswidrige Besatzung von Falludscha in der vergangenen Woche begonnen hat, sind Schiiten und Sunniten Schulter an Schulter nach Falludscha gelaufen, um den Menschen Medizin und Nahrungsmittel zu bringen. Ein deutlicheres Bild für die Differenz zwischen der Realität und manchen Medienberichten außerhalb des Landes konnte es kaum geben.
Die US-Menschenrechtsorganisation "Occupation Watch" kritisiert das Vorgehen der US-Truppen in der Stadt Falludscha scharf. Die Belagerung der Stadt sei "illegal", sagte die Direktorin des Bagdader Büros der Organisation im Interview mit tagesschau.de. Die Lage der Menschen dort beschreibt sie als "katastrophal".
Occupation Watch (OW) ist ein Zusammenschluss von globalisierungskritischen Gruppen und Friedensorganisationen. Seit vergangenem Juli beobachtet OW die wirtschaftliche und politische Lage im Irak. Das Hauptbüro in Washington steht in ständiger Verbindung zu der Bagdader Zentrale, die von Eman Khammas geleitet wird.tagesschau.de: Frau Khammas, wie ist die Lage in Bagdad?
Eman Ahmed Khammas, Direktorin des Bagdader Büros von "Occupation Watch": Am heutigen Montag herrscht hier in der Hauptstadt gespannte Ruhe. Nachdem von US-Soldaten tagelang eine Ausgangssperre aufrechterhalten wurde, konnten wir am gestrigen Sonntag zum ersten Mal wieder unser Haus verlassen. Nach wie vor gibt es aber bewaffnete Zusammenstöße in verschiedenen Stadtteilen Bagdads, vor allem natürlich in Sadr-City.
tagesschau.de: Was wissen Sie über die humanitäre Lage in Falludscha, das etwa 50 Kilometer von Bagdad entfernt von Besatzungstruppen belagert wird?
Khammas: Bis zum Nachmittag gab es widersprüchliche Meldungen über eine Waffenruhe und andauernde Verhandlungen zwischen den Aufständischen und Mitgliedern des Regierungsrates. Dieses politische Geschehen nimmt im Moment aber auch nur einen Teil unseres Interesses ein. Weitaus wichtiger ist für "Occupation Watch" die katastrophale humanitäre Lage. Entgegen der Genfer Konvention belagern die US-Besatzungstruppen weiterhin Falludscha, ohne anscheinend die Folgen für die Zivilbevölkerung abschätzen zu können. Während der brüchigen Waffenruhe in den vergangenen Stunden haben tausende Menschen die Stadt verlassen.
tagesschau.de: Woher wissen Sie das?
Khammas: Wir haben Mitarbeiter in Falludscha, zu denen wir telefonisch Kontakt halten. Was sie berichten, muss außerhalb des Irak öffentlich gemacht werden: Verschiedene westliche Nachrichtenagenturen haben inzwischen die Berichte über hunderte Tote bestätigt, die in der vergangenen Woche in Falludscha zu beklagen waren. Den Krankenhäusern in Falludscha sind die Blutkonserven und die Medikamente ausgegangen. Aus den Gebieten, die von US-Truppen kontrolliert werden, liegen uns Berichte vor, denen zufolge Krankenhäuser umstellt wurden. Die Mediziner mussten dort auf Privathäuser ausweichen.
tagesschau.de: Welche Prognose haben Sie für die militärischen Konfrontationen – ist es nur ein Aufflammen von Gewalt?
Khammas: Man sollte im Ausland versuchen, sich in die Lage der irakischen Bevölkerung zu versetzen: Seit einem Jahr leben wir selbst in der Hauptstadt in einer äußerst prekären Sicherheitslage. Oft fehlt es am Nötigsten, Strom und Wasser fällt immer wieder aus. Der Wiederaufbau der Infrastruktur kommt kaum voran. Als die Menschen begannen, gegen diese Situation zu protestieren, gab es schon im vergangenen Jahr die ersten gewaltsamen Zusammenstöße mit den Besatzungstruppen. Die Soldaten der verschiedenen Besatzungstruppen sind nervös und überfordert. So sind auch die massiven Überreaktionen zu erklären. Inzwischen werden 500-Pfund-Bomben in Wohngebieten eingesetzt, nach Einbruch der Dunkelheit auf Pkw Panzerfeuer eröffnet. All das heizt die Lage weiter an.
tagesschau.de: Eine exponierte Rolle in dem aktuellen Aufstand spielt der junge schiitische Geistliche Muktada al Sadr. Ist er mit seinen gerade einmal 30 Jahren nicht aber politisch isoliert, der Zusammenbruch seiner Revolte nur eine Frage der Zeit?
Khammas: Sehen Sie, ich repräsentiere keine politische Gruppe oder Partei. "Occupation Watch" ist ein Zusammenschluss von Nichtregierungsorganisationen, die die Entwicklung unter der US-Besatzung beobachten und dokumentieren. Auf Ihre Frage kann ich Ihnen also getrost antworten, dass die These der politischen Isolation al Sadrs eine Erfindung ist. Er verfügt über eine enorme Basis in den ärmeren Teilen der Bevölkerung, nicht nur im Süden des Landes, sondern auch in Bagdad.
tagesschau.de: Birgt das nicht Konfliktpotenzial? Immerhin ist der Irak westlich von Bagdad sunnitisch dominiert?
Khammas: Ich weiß, worauf Sie anspielen. Es heißt immer wieder, im Irak drohe ein Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten. Für mich ist das Teil der Kriegspropaganda, denn der mitgedachte Nebensatz heißt: "…und deswegen müssen die Besatzungstruppen in Irak bleiben." In der jüngeren Geschichte des Irak hat es keinen Bürgerkrieg gegeben. Und es wird keinen geben. Der einzige Krieg, unter dem die Menschen jetzt gerade leiden, wird von den Besatzungstruppen geführt. Als die völkerrechtswidrige Besatzung von Falludscha in der vergangenen Woche begonnen hat, sind Schiiten und Sunniten Schulter an Schulter nach Falludscha gelaufen, um den Menschen Medizin und Nahrungsmittel zu bringen. Ein deutlicheres Bild für die Differenz zwischen der Realität und manchen Medienberichten außerhalb des Landes konnte es kaum geben.
| < Zurück | Weiter > |
|---|












