Das Ende der Warenproduktion:
Das hier wiedergegebene Interview mit Arno Peters ist Teil des von Heinz Dieterich Steffan (Universität Mexiko-Stadt) herausgegebenen Buches »Das neue historische Projekt«.
Heinz Dieterich Steffan spricht am Sonnabend auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt zum Thema »Rosa Luxemburg und das neue historische Projekt«. Dabei wird er sich auch auf Arno Peters beziehen, der in den vergangenen Jahrzehnten Außerordentliches auf mehreren Gebieten leistete.
1952 erschien erstmals seine »Synchronoptische Weltgeschichte«, die eine räumlich-graphische Geschichtsdarstellung bietet. Sie beruht auf der Sichtbarmachung des Gleichzeitigen und vermittelt die Zusammenhänge der Geschichte durch unmittelbare Anschauung des zeitlichen Miteinander und Nacheinander. Neben der europäischen Geschichte stellt sie gleichrangig die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie des vorkolumbischen Amerika dar.
1973 legte Arno Peters eine neue Erdkartenprojektion vor: »Die Länder der Erde in flächengetreuer Darstellung«. Diese von der Nord-Süd-Kommission empfohlene »Peters-Karte« gibt es heute in weit über 100 Ausgaben verschiedener Sprachen. 1989 folgte ihr der erste »Peters-Atlas«, der die ganze Erde–entgegen dem vorherrschen eurozentrischen Weltbild–im gleichen Maßstab abbildet.
Direkt in die Politik griff Arno Peters der Mitte der 60er Jahre mit seiner Forderung ein, die BRD solle an die DDR einen Ausgleich für die gegenüber der UdSSR geleisteten Reparationen zahlen. Diesen Aufruf erneuerte er im November 1989. Sein Appell zur Zahlung von 727 Milliarden DM Reparationsausgleich wurde von 66 Bremer Professoren und Senatoren unterstützt. Doch Bundeskanzler Kohl lehnte die Forderung ab.
Sie schreiben in Ihrem Buch »Das Äquivalenzprinzip als Grundlage der Globalökonomie«, die weltweite Ermittlung des Bedarfs, die Lenkung der Produktion und die Verteilung von Gütern/Dienstleistungen wäre vom Computer zu bewältigen. Wie würde diese weltweite Planung konkret aussehen? Eine weltweite Organisation? Im Stil der UNO oder der FAO?
Die Ermittlung des Bedarfs ist abhängig vom Entwicklungsstand der Computer-Technik und deren allgemeiner Verfügbarkeit. Sie wird deshalb regional unterschiedlich sein, wobei die schnellstmögliche Erfassung des individuellen Bedarfs das Ziel ist. Jede einzelne Region hat eine eigene Erfassungsstelle und prüft zunächst die Möglichkeit zur Befriedigung des Bedarfs aus eigener Produktion/Dienstleistung. Ist das nicht möglich, wird überregionale Produktion/Dienstleistung in Anspruch genommen. Für Bedarfsermittlung, Produktion/ Dienstleistung, Verteilung wird es kleinste regionale Plan- Institutionen geben (vergleichbar Kommunen), darüber größere Regionen (vergleichbar Bezirken), noch größere Regionen (vergleichbar Staaten) und größte Regionen (Staatenbünden oder kontinentalen Zusammenschlüssen vergleichbar). Über diesem Schachtelsystem steht die zentrale Plan-Institution, die alle Regionen der Erde einschließt.
Das gegenwärtige Brutto-Welt-Produkt hat einen Wert von etwa 28 Billionen US-Dollar; geteilt durch die Weltbevölkerung–5,5 Milliarden–läge das statistische Pro-Kopf-Einkommen bei etwa 500 Dollar. Würde Ihr Entlohnungsvorschlag zu einem ähnlichen Ergebnis führen?
Nein. Das Brutto-Sozialprodukt ist die Summe der Preise aller erzeugten Güter und erbrachten Dienstleistungen. Die äquivalente Ökonomie geht nicht von den Preisen der Güter und Dienstleistungen aus, sondern von ihren Werten. Der Gesamtwert aller Produkte und Dienstleistungen fällt in der äquivalenten Ökonomie auch nicht allen Erdbewohnern zu gleichen Teilen zu. Vielmehr erhält jeder einen so großen Anteil am Gesamtwert, wie er selbst eingebracht hat.
Wenn die materiellen Einkommensstimuli wegfallen, würde das nicht unabdingbar zu einem Produktivitätsrückgang führen?
Nein. Auch die äquivalente Ökonomie gibt von der Einkommensseite her echten Tätigkeits-Anreiz; denn jeder erhöht sein Anrecht auf Güter und Dienstleistungen durch seine eigene Tätigkeit (Produktion/Dienstleistung). Und da er es nur auf diese Weise erhöhen kann, ist der materielle Tätigkeitsanreiz größer als in der nicht-äquivalenten Ökonomie (Marktwirtschaft), in der das Anrecht auf Güter und Dienstleistungen nicht an eine eigene Tätigkeit (Gütererzeugung oder Dienstleistung) gebunden ist.
Schwankt das individuelle Anrecht auf Güter und Dienstleistungen zwischen Maximum–40 Stunden–und dem Existenzminimum, sagen wir hypothetisch 15 Stunden Arbeit wöchentlich? Mit anderen Worten: Die maximale Quantität von Gütern und Dienstleistungen, die durch 40 Stunden gewährleistet ist, kann nicht überschritten werden?
Das individuelle Anrecht auf Güter und Dienstleistungen entspricht der erbrachten Arbeitszeit und kann deshalb zwischen einer Minute und 24 Stunden an einem Tage schwanken. Die Sicherung des Existenzminimums ist eine davon abhängige Frage, die im Rahmen der jeweils weltweit verfügbaren Güter-/Dienstleistungsmenge zu beantworten ist (»Soziale Planwirtschaft«).
Welche sozialen Schichten und Klassen in der BRD würden das Äquivalenzprinzip–das wohl notwendig eine Verschlechterung ihres gegenwärtigen materiellen Lebensstandards mit sich bringen würde–akzeptieren? Industriearbeiter, Angestellte, Mittelschichten, Unternehmer? Kirchen? Gewerkschaften? Parteien?
In den reichen Ländern würde die plötzliche Einführung des Äquivalenzprinzips voraussichtlich zu einer vorübergehenden Verschlechterung des heutigen materiellen Lebensstandards führen. Aber eine wachsende Anzahl von Menschen ist auch in diesen unseren Ländern davon überzeugt, daß wir über unsere Verhältnisse leben. Mit der Verbreitung dieses Bewußtseins ist bei vielen Menschen die Bereitschaft verbunden, einer allmählichen Annäherung des Lebensstandards weltweit zuzustimmen. Erhöht wird diese Bereitschaft durch die wachsende Gewißheit, daß die einzige Alternative zu dieser freiwilligen Annäherung in der gewaltsamen Einführung des Äquivalenzprinzips durch die jetzt notleidenden drei Viertel der Menschheit besteht. Die allmähliche Überleitung zum Äquivalenzprinzip birgt durch die mit ihr verbundene weltweit schnelle Steigerung der Produktivität und Leistungskraft in sich die Möglichkeit einer Kompensation oder Überkompensation dieser Verschlechterung des allgemeinen Lebensstandards in den reichen Ländern.
Mit wem könnten die Armen der Dritten Welt denn in der Ersten Welt Bündnisse schließen?
Die armen zwei Drittel der Menschheit könnten in den reichen Ländern sich verbünden
Das Äquivalenzprinzip setzt keinen neuen Menschentyp voraus. Das Aufhören von Selbstsucht, Habsucht und Ausbeutung, wie es mit dem Äquivalenzprinzip verbunden ist, führt aber zu so tiefgreifenden Veränderungen des Denkens und Verhaltens, daß man nach seiner allgemeinen Einführung von einem neuen Menschen wird sprechen können.
Die Verwirklichung Ihres Prinzips benötigt sicher eine Übergangsphase, etwa wie der Sozialismus in Marx‘ Konzeption. Wie würde diese aussehen?
Der Übergang von der nicht-äquivalenten Ökonomie (Marktwirtschaft) zur äquivalenten Ökonomie wird voraussichtlich Jahrhunderte dauern, und wir stehen bereits mitten in dieser Übergangsphase. Sie kann durch eine Zuspitzung der Ausbeutung (wie in den kapitalistischen Ländern) ebenso geprägt sein wie durch eine Annäherung an das Prinzip der Gleichheit und Brüderlichkeit (wie in den sozialistisch-kommunistischen Ländern).
Wären mit Ihrem Vorschlag die Warenbeziehungen aufgehoben? Oder wäre das Produkt nach wie vor Ware?
»Waren« sind Güter, die zum Verkauf bestimmt sind, also mit der Entstehung des Handels in die Welt gekommen sind und mit dessen Ende (gleich Ende der Marktwirtschaft) verschwinden. Dann (in der äquivalenten Ökonomie) werden Güter nur noch zur Bedarfsdeckung produziert, und sie werden entweder vom Produzenten konsumiert oder wertgleich vertauscht (gleich Grundlage der Verteilung in der äquivalenten Ökonomie).
Warum wird Bildung den nicht-werteschaffenden Tätigkeiten zugeordnet?
Bildung ist zunächst die harmonische Entwicklung aller Kräfte des Geistes und des Gemüts im Sinne einer Annäherung an das Ideal der Menschlichkeit. Zu der ihr zuzuordnenden Ausbildung besonderer geistiger und körperlicher Anlagen gehören die Tätigkeiten des Lernens und des Lehrens. Das Lernen ist in der arbeitsteiligen Welt Voraussetzung werteschaffender Tätigkeit, kann also nicht selbst schon den werteschaffenden Tätigkeiten zugeordnet werden, das Lehren ist auf allen Ebenen selbst wertschaffende Arbeit, die zu den neben der Produktion stehenden Dienstleistungen gehört.
Was ist Werte schaffende Tätigkeit?
Werteschaffend ist jede Tätigkeit, die eigene oder fremde Lebensbedürfnisse erfüllt, schließt also neben der Gütererzeugung die heute als »Dienstleistungen« bezeichneten Tätigkeiten ein.
Es hat den Anschein, daß für die Verwirklichung des Äquivalenzprinzips die Eigentumsform der Produktionsmittel keine große Bedeutung hat. Ist das richtig?
Das trifft für eine erste Phase des Überganges zur äquivalenten Ökonomie zu. In dem Maße, wie die äquivalente Ökonomie die Marktwirtschaft überwindet, verliert aber mit dem Fortfall des Profits das Privateigentum an Produktionsmitteln seine Grundlage, es hebt sich selbst auf.
Wenn der Wert des Produktes in Arbeitszeitquantitäten ausgedrückt werden kann, was hat es für einen Vorteil, ihn monetär auszudrücken?
Wie der Wert der Güter und Leistungen in der äquivalenten Ökonomie ausgedrückt wird, ist grundsätzlich gleichgültig, kann also von den jeweiligen praktischen Gegebenheiten bestimmt werden. Entscheidend ist, daß sich im Wert aller Güter und Leistungen allein die Summe erbrachter Arbeit ausdrückt.
Würde der Lohn mit einer Art Kreditkarte bezahlt werden, auf der jeweils die Werte, die der Arbeiter kauft, abgebucht werden?
Ob Löhne und Preise in Form von geprägtem Metall, bedrucktem Papier oder digitalisierter Buchungsvorgänge abgegolten werden, ist in der äquivalenten Ökonomie grundsätzlich gleichgültig, wird also vom jeweiligen Stand der Technik bestimmt sein.
Ein Kritiker bemerkte, daß es sich bei der äquivalenten Ökonomie um ein »Luftschloß« handelt, weil sie die Psychologie des Menschen nicht einbezieht.
Psychologie ist die Lehre von den seelischen Vorgängen im Menschen, also die Lehre vom Subjektiven. Da Objektivität das Wesen der Wissenschaft ausmacht, kann es in der wissenschaftlichen Ökonomie (als deren Grundlage sich das Äquivalenzprinzip weiß) die Psychologie ebensowenig geben wie »Luftschlösser« jeder Art.
In Systemen wie der Mechanik gibt es keine subjektiven Komponenten. In der Ökonomie aber ist eine entscheidende Variable der ökonomischen Agent »Mensch«. Ein Beispiel: Die Preise an der Börse werden zum Teil durch objektive Faktoren bestimmt und zum Teil durch die Gewinn- bzw. Verlusterwartungen der Käufer und Verkäufer, d. h. durch ein subjektives Kalkül. Wäre Subjektivität also heute ein wirtschaftlicher Faktor und in der Äquivalenzökonomie nicht mehr?
Die Ökonomie schließt, wie fast jede Wissenschaft, subjektive Vorgänge (Verhaltensweisen) ein. Durch deren Systematisierung und Objektivierung werden sie zu Gegenständen der Wissenschaft. Soweit individuelle Vorgänge/Verhaltensweisen (einschließlich der psychologischen) der Ökonomie zugrundeliegen, werden ihr diese durch Systematisierung/Objektivierung eingefügt.
Umgekehrt wird es für subjektive Vorgänge/Verhaltensweisen (wie Profiterwartungen der Börsianer, Bankiers, aber auch der Werbung), die heute die nicht-äquivalente Ökonomie prägen, in der wissenschaftlichen Ökonomie keinen Raum mehr geben. Das schließt nicht aus, daß es im Zeitalter der äquivalenten Ökonomie auch eine wissenschaftliche Psychologie geben kann und daß bei der Ermittlung des Bedarfs subjektive Momente berücksichtigt werden.
Welche Rolle spielt der Markt?
In der äquivalenten Ökonomie gibt es keinen Markt mehr,
Gedanken von Marx und Engels sind in die äquivalente Ökonomie eingegangen wie Gedanken anderer Philosophen, Historiker, Ökonomen und Soziologen der letzten fünf Jahrtausende.
http://www.jungewelt.de
Interview mit dem Historiker Professor Dr. Arno Peters (Bremen)
Das Gespräch führte Professor Dr. Heinz Dieterich Steffan von der Universität Mexiko-Stadt).
Erschienen in der jungen Welt am 9.1.1998
Das hier wiedergegebene Interview mit Arno Peters ist Teil des von Heinz Dieterich Steffan (Universität Mexiko-Stadt) herausgegebenen Buches »Das neue historische Projekt«.
Heinz Dieterich Steffan spricht am Sonnabend auf der Rosa-Luxemburg-Konferenz der jungen Welt zum Thema »Rosa Luxemburg und das neue historische Projekt«. Dabei wird er sich auch auf Arno Peters beziehen, der in den vergangenen Jahrzehnten Außerordentliches auf mehreren Gebieten leistete.
1952 erschien erstmals seine »Synchronoptische Weltgeschichte«, die eine räumlich-graphische Geschichtsdarstellung bietet. Sie beruht auf der Sichtbarmachung des Gleichzeitigen und vermittelt die Zusammenhänge der Geschichte durch unmittelbare Anschauung des zeitlichen Miteinander und Nacheinander. Neben der europäischen Geschichte stellt sie gleichrangig die Geschichte der großen asiatischen und afrikanischen Kulturen sowie des vorkolumbischen Amerika dar.
1973 legte Arno Peters eine neue Erdkartenprojektion vor: »Die Länder der Erde in flächengetreuer Darstellung«. Diese von der Nord-Süd-Kommission empfohlene »Peters-Karte« gibt es heute in weit über 100 Ausgaben verschiedener Sprachen. 1989 folgte ihr der erste »Peters-Atlas«, der die ganze Erde–entgegen dem vorherrschen eurozentrischen Weltbild–im gleichen Maßstab abbildet.
Direkt in die Politik griff Arno Peters der Mitte der 60er Jahre mit seiner Forderung ein, die BRD solle an die DDR einen Ausgleich für die gegenüber der UdSSR geleisteten Reparationen zahlen. Diesen Aufruf erneuerte er im November 1989. Sein Appell zur Zahlung von 727 Milliarden DM Reparationsausgleich wurde von 66 Bremer Professoren und Senatoren unterstützt. Doch Bundeskanzler Kohl lehnte die Forderung ab.
Sie schreiben in Ihrem Buch »Das Äquivalenzprinzip als Grundlage der Globalökonomie«, die weltweite Ermittlung des Bedarfs, die Lenkung der Produktion und die Verteilung von Gütern/Dienstleistungen wäre vom Computer zu bewältigen. Wie würde diese weltweite Planung konkret aussehen? Eine weltweite Organisation? Im Stil der UNO oder der FAO?
Die Ermittlung des Bedarfs ist abhängig vom Entwicklungsstand der Computer-Technik und deren allgemeiner Verfügbarkeit. Sie wird deshalb regional unterschiedlich sein, wobei die schnellstmögliche Erfassung des individuellen Bedarfs das Ziel ist. Jede einzelne Region hat eine eigene Erfassungsstelle und prüft zunächst die Möglichkeit zur Befriedigung des Bedarfs aus eigener Produktion/Dienstleistung. Ist das nicht möglich, wird überregionale Produktion/Dienstleistung in Anspruch genommen. Für Bedarfsermittlung, Produktion/ Dienstleistung, Verteilung wird es kleinste regionale Plan- Institutionen geben (vergleichbar Kommunen), darüber größere Regionen (vergleichbar Bezirken), noch größere Regionen (vergleichbar Staaten) und größte Regionen (Staatenbünden oder kontinentalen Zusammenschlüssen vergleichbar). Über diesem Schachtelsystem steht die zentrale Plan-Institution, die alle Regionen der Erde einschließt.
Das gegenwärtige Brutto-Welt-Produkt hat einen Wert von etwa 28 Billionen US-Dollar; geteilt durch die Weltbevölkerung–5,5 Milliarden–läge das statistische Pro-Kopf-Einkommen bei etwa 500 Dollar. Würde Ihr Entlohnungsvorschlag zu einem ähnlichen Ergebnis führen?
Nein. Das Brutto-Sozialprodukt ist die Summe der Preise aller erzeugten Güter und erbrachten Dienstleistungen. Die äquivalente Ökonomie geht nicht von den Preisen der Güter und Dienstleistungen aus, sondern von ihren Werten. Der Gesamtwert aller Produkte und Dienstleistungen fällt in der äquivalenten Ökonomie auch nicht allen Erdbewohnern zu gleichen Teilen zu. Vielmehr erhält jeder einen so großen Anteil am Gesamtwert, wie er selbst eingebracht hat.
Wenn die materiellen Einkommensstimuli wegfallen, würde das nicht unabdingbar zu einem Produktivitätsrückgang führen?
Nein. Auch die äquivalente Ökonomie gibt von der Einkommensseite her echten Tätigkeits-Anreiz; denn jeder erhöht sein Anrecht auf Güter und Dienstleistungen durch seine eigene Tätigkeit (Produktion/Dienstleistung). Und da er es nur auf diese Weise erhöhen kann, ist der materielle Tätigkeitsanreiz größer als in der nicht-äquivalenten Ökonomie (Marktwirtschaft), in der das Anrecht auf Güter und Dienstleistungen nicht an eine eigene Tätigkeit (Gütererzeugung oder Dienstleistung) gebunden ist.
Schwankt das individuelle Anrecht auf Güter und Dienstleistungen zwischen Maximum–40 Stunden–und dem Existenzminimum, sagen wir hypothetisch 15 Stunden Arbeit wöchentlich? Mit anderen Worten: Die maximale Quantität von Gütern und Dienstleistungen, die durch 40 Stunden gewährleistet ist, kann nicht überschritten werden?
Das individuelle Anrecht auf Güter und Dienstleistungen entspricht der erbrachten Arbeitszeit und kann deshalb zwischen einer Minute und 24 Stunden an einem Tage schwanken. Die Sicherung des Existenzminimums ist eine davon abhängige Frage, die im Rahmen der jeweils weltweit verfügbaren Güter-/Dienstleistungsmenge zu beantworten ist (»Soziale Planwirtschaft«).
Welche sozialen Schichten und Klassen in der BRD würden das Äquivalenzprinzip–das wohl notwendig eine Verschlechterung ihres gegenwärtigen materiellen Lebensstandards mit sich bringen würde–akzeptieren? Industriearbeiter, Angestellte, Mittelschichten, Unternehmer? Kirchen? Gewerkschaften? Parteien?
In den reichen Ländern würde die plötzliche Einführung des Äquivalenzprinzips voraussichtlich zu einer vorübergehenden Verschlechterung des heutigen materiellen Lebensstandards führen. Aber eine wachsende Anzahl von Menschen ist auch in diesen unseren Ländern davon überzeugt, daß wir über unsere Verhältnisse leben. Mit der Verbreitung dieses Bewußtseins ist bei vielen Menschen die Bereitschaft verbunden, einer allmählichen Annäherung des Lebensstandards weltweit zuzustimmen. Erhöht wird diese Bereitschaft durch die wachsende Gewißheit, daß die einzige Alternative zu dieser freiwilligen Annäherung in der gewaltsamen Einführung des Äquivalenzprinzips durch die jetzt notleidenden drei Viertel der Menschheit besteht. Die allmähliche Überleitung zum Äquivalenzprinzip birgt durch die mit ihr verbundene weltweit schnelle Steigerung der Produktivität und Leistungskraft in sich die Möglichkeit einer Kompensation oder Überkompensation dieser Verschlechterung des allgemeinen Lebensstandards in den reichen Ländern.
Mit wem könnten die Armen der Dritten Welt denn in der Ersten Welt Bündnisse schließen?
Die armen zwei Drittel der Menschheit könnten in den reichen Ländern sich verbünden
- mit dem in Arbeitslosigkeit und Not lebenden zahlenmäßig anwachsenden armen Drittel der dortigen Bevölkerung,
- mit den politisch und wirtschaftlich auf Gleichheit, Brüderlichkeit und Internationalismus gerichteten Personen, Gruppen und Parteien, wie Sozialisten, Kommunisten, Gewerkschaften, Friedensorganisationen,
- mit den weltweit agierenden regierungsunabhängigen Organisationen wie Greenpeace, amnesty international, World Wide Found of Nature, Internationale Campaign to ban landmines, Terres des hommes,
- mit UN-Organisationen wie FAO, ILO, UNDP, WHO, GATT, UNICEF,
- mit objektiven, unbestechlichen Wissenschaftlern und Publizisten und anderen Persönlichkeiten, denen das Gewissen höher steht als Freiheit und wirtschaftliche Existenz,
- mit Anhängern der Marktwirtschaft, die erkannt haben, daß mit Computer und Globalökonomie das Zeitalter der eurokratischen Ökonomie vorüber ist, und die für ein allmähliches einvernehmliches Hineinwachsen in die äquivalente Ökonomie offen sind.
Das Äquivalenzprinzip setzt keinen neuen Menschentyp voraus. Das Aufhören von Selbstsucht, Habsucht und Ausbeutung, wie es mit dem Äquivalenzprinzip verbunden ist, führt aber zu so tiefgreifenden Veränderungen des Denkens und Verhaltens, daß man nach seiner allgemeinen Einführung von einem neuen Menschen wird sprechen können.
Die Verwirklichung Ihres Prinzips benötigt sicher eine Übergangsphase, etwa wie der Sozialismus in Marx‘ Konzeption. Wie würde diese aussehen?
Der Übergang von der nicht-äquivalenten Ökonomie (Marktwirtschaft) zur äquivalenten Ökonomie wird voraussichtlich Jahrhunderte dauern, und wir stehen bereits mitten in dieser Übergangsphase. Sie kann durch eine Zuspitzung der Ausbeutung (wie in den kapitalistischen Ländern) ebenso geprägt sein wie durch eine Annäherung an das Prinzip der Gleichheit und Brüderlichkeit (wie in den sozialistisch-kommunistischen Ländern).
Wären mit Ihrem Vorschlag die Warenbeziehungen aufgehoben? Oder wäre das Produkt nach wie vor Ware?
»Waren« sind Güter, die zum Verkauf bestimmt sind, also mit der Entstehung des Handels in die Welt gekommen sind und mit dessen Ende (gleich Ende der Marktwirtschaft) verschwinden. Dann (in der äquivalenten Ökonomie) werden Güter nur noch zur Bedarfsdeckung produziert, und sie werden entweder vom Produzenten konsumiert oder wertgleich vertauscht (gleich Grundlage der Verteilung in der äquivalenten Ökonomie).
Warum wird Bildung den nicht-werteschaffenden Tätigkeiten zugeordnet?
Bildung ist zunächst die harmonische Entwicklung aller Kräfte des Geistes und des Gemüts im Sinne einer Annäherung an das Ideal der Menschlichkeit. Zu der ihr zuzuordnenden Ausbildung besonderer geistiger und körperlicher Anlagen gehören die Tätigkeiten des Lernens und des Lehrens. Das Lernen ist in der arbeitsteiligen Welt Voraussetzung werteschaffender Tätigkeit, kann also nicht selbst schon den werteschaffenden Tätigkeiten zugeordnet werden, das Lehren ist auf allen Ebenen selbst wertschaffende Arbeit, die zu den neben der Produktion stehenden Dienstleistungen gehört.
Was ist Werte schaffende Tätigkeit?
Werteschaffend ist jede Tätigkeit, die eigene oder fremde Lebensbedürfnisse erfüllt, schließt also neben der Gütererzeugung die heute als »Dienstleistungen« bezeichneten Tätigkeiten ein.
Es hat den Anschein, daß für die Verwirklichung des Äquivalenzprinzips die Eigentumsform der Produktionsmittel keine große Bedeutung hat. Ist das richtig?
Das trifft für eine erste Phase des Überganges zur äquivalenten Ökonomie zu. In dem Maße, wie die äquivalente Ökonomie die Marktwirtschaft überwindet, verliert aber mit dem Fortfall des Profits das Privateigentum an Produktionsmitteln seine Grundlage, es hebt sich selbst auf.
Wenn der Wert des Produktes in Arbeitszeitquantitäten ausgedrückt werden kann, was hat es für einen Vorteil, ihn monetär auszudrücken?
Wie der Wert der Güter und Leistungen in der äquivalenten Ökonomie ausgedrückt wird, ist grundsätzlich gleichgültig, kann also von den jeweiligen praktischen Gegebenheiten bestimmt werden. Entscheidend ist, daß sich im Wert aller Güter und Leistungen allein die Summe erbrachter Arbeit ausdrückt.
Würde der Lohn mit einer Art Kreditkarte bezahlt werden, auf der jeweils die Werte, die der Arbeiter kauft, abgebucht werden?
Ob Löhne und Preise in Form von geprägtem Metall, bedrucktem Papier oder digitalisierter Buchungsvorgänge abgegolten werden, ist in der äquivalenten Ökonomie grundsätzlich gleichgültig, wird also vom jeweiligen Stand der Technik bestimmt sein.
Ein Kritiker bemerkte, daß es sich bei der äquivalenten Ökonomie um ein »Luftschloß« handelt, weil sie die Psychologie des Menschen nicht einbezieht.
Psychologie ist die Lehre von den seelischen Vorgängen im Menschen, also die Lehre vom Subjektiven. Da Objektivität das Wesen der Wissenschaft ausmacht, kann es in der wissenschaftlichen Ökonomie (als deren Grundlage sich das Äquivalenzprinzip weiß) die Psychologie ebensowenig geben wie »Luftschlösser« jeder Art.
In Systemen wie der Mechanik gibt es keine subjektiven Komponenten. In der Ökonomie aber ist eine entscheidende Variable der ökonomischen Agent »Mensch«. Ein Beispiel: Die Preise an der Börse werden zum Teil durch objektive Faktoren bestimmt und zum Teil durch die Gewinn- bzw. Verlusterwartungen der Käufer und Verkäufer, d. h. durch ein subjektives Kalkül. Wäre Subjektivität also heute ein wirtschaftlicher Faktor und in der Äquivalenzökonomie nicht mehr?
Die Ökonomie schließt, wie fast jede Wissenschaft, subjektive Vorgänge (Verhaltensweisen) ein. Durch deren Systematisierung und Objektivierung werden sie zu Gegenständen der Wissenschaft. Soweit individuelle Vorgänge/Verhaltensweisen (einschließlich der psychologischen) der Ökonomie zugrundeliegen, werden ihr diese durch Systematisierung/Objektivierung eingefügt.
Umgekehrt wird es für subjektive Vorgänge/Verhaltensweisen (wie Profiterwartungen der Börsianer, Bankiers, aber auch der Werbung), die heute die nicht-äquivalente Ökonomie prägen, in der wissenschaftlichen Ökonomie keinen Raum mehr geben. Das schließt nicht aus, daß es im Zeitalter der äquivalenten Ökonomie auch eine wissenschaftliche Psychologie geben kann und daß bei der Ermittlung des Bedarfs subjektive Momente berücksichtigt werden.
Welche Rolle spielt der Markt?
In der äquivalenten Ökonomie gibt es keinen Markt mehr,
- weil der Preis sich nicht aus Angebot und Nachfrage ergibt, sondern dem Wert der erzeugten Güter wie des Lohnes entspricht;
- weil Lagerung, Transport und Verteilung der erzeugten Güter zur Dienstleistung wird, deren Wert–wie der Wert aller anderen Leistungen–der aufgewandten Arbeitszeit entspricht und damit in den Wert der verteilten Güter eingeht.
Gedanken von Marx und Engels sind in die äquivalente Ökonomie eingegangen wie Gedanken anderer Philosophen, Historiker, Ökonomen und Soziologen der letzten fünf Jahrtausende.
http://www.jungewelt.de
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