Protest der Millionen:
Rom: Mit drei Millionen Demonstranten fand in der italienischen Hauptstadt am Samstag die weltweit größte Kundgebung statt. Die Teilnehmer kritisierten neben US-Präsident George W. Bush vor allem die Haltung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi.
London: In die City der britischen Hauptstadt strömten mehr als zwei Millionen Kriegsgegner. Premier Tony Blair bezeichnete die Proteste als »natürlichen Bestandteil des demokratischen Prozesses«.
Berlin: Bei einer der größten Friedensdemonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik setzten sich in Berlin rund eine halbe Million Menschen, darunter Politiker und Künstler, für eine friedliche Lösung der Irak-Krise ein. (siehe unten)
Madrid: In der spanischen Hauptstadt gingen zwei Millionen Kriegsgegner auf die Straße, in Barcelona 1,5 Millionen. In ganz Spanien demonstrierten nach Angaben der Veranstalter fünf Millionen Menschen.
Paris: Durch die französische Hauptstadt zogen etwa 250000 Demonstranten.
New York: In der Nähe des UN-Hauptquartiers fanden sich bis zu 250000 Demonstranten zu einer Kundgebung ein. Ein Demonstrationszug war verboten worden. Mehrere Spruchbänder trugen Danksagungen an Deutschland und Frankreich für ihren Widerstand gegen eine militärische Lösung der Krise.
Sydney: Bis zu 500000 Menschen versammelten sich am Sonntag in der australischen Metropole.
Berlin: Mehr als eine halbe Million Menschen sagten am Sonnabend nein zum drohenden Irak-Krieg
Am Berliner Alexanderplatz ist kein Durchkommen. Tausende von Menschen verstopfen alle Zugänge. Man sieht die Fahnen der Antifa neben Schildern der »Grauen Panther«. Ganze Familien sind unterwegs, vom Enkel bis zur Oma, gut gekleidete Bürger tragen selbstgemalte Transparente. Für viele, das ist offensichtlich, ist dies ihre erste Demonstration. »Na klar gehe ich heute mit, ich bin gegen den Krieg, und der Bush ist doch ein Lügner«, sagt die 76jährige Rentnerin Renate B., die sich auf einen Gehstock stützen muß. Auf ihren Rücken hat sie ein weißes Transparent mit der Aufschrift »Peace« geheftet.
Während auch aus den Ausgängen der U-Bahnstation immer mehr Demonstranten zusammenströmen, werden am Fuß des Fernsehturms die ersten Reden gehalten. »Wir sind heute hierher gekommen, um gegen einen menschenverachtenden Angriffskrieg zu protestieren. Frieden ist Menschenrecht«, verkündet Angelika Claußen vom Bielefelder Friedensnetzwerk. Ludwig Baumann von der Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz ruft alle Soldaten auf, sich nicht für Kriege mißbrauchen zu lassen und zu desertieren. Inzwischen ist eine so unglaubliche Menschenmenge zusammengekommen, daß die aufgestellten Lautsprecher längst nicht mehr alle erreichen können. Am Neptunbrunnen spielen einige Unverdrossene gegen den Krieg Fußball. Die Leute beklatschen die Tore und beginnen langsam in Richtung Tiergarten zu ziehen.
Der Demonstrationszug schwillt immer weiter an, trotzdem werden die Menschen, die sich in der Umgebung des Alexanderplatzes versammeln, nicht weniger. »Es müssen ja mehrere hunderttausend sein, das habe ich noch nie erlebt«, sagt ein Mann, der ein Plakat einer linken Gruppe mit dem Schriftzug »No War« geschultert hat. Unter den Menschen macht sich langsam das Bewußtsein breit, auf der größten Friedensdemonstration seit den 80er Jahren zu sein. Wenn nicht sogar der größten überhaupt. Zwischen dem Alexanderplatz und dem Großen Stern im Tiergarten, dem Ort der Abschlußkundgebung, entsteht ein einziger Strom von Menschen. Aus den Seitenstraßen drängen Tausende Kriegsgegner in den Demonstrationszug. Die Berliner Prunkstraße »Unter den Linden« verwandelt sich in ein Meer von Fahnen und Transparenten gegen den Krieg. Es dominieren die selbstgemachten Plakate und Spruchbänder mit mehr oder weniger phantasievollen Slogans: »USA: Weltmacht im Lügen«; »Amerika ja, Bush nein«; und das schon bekannte »Kein Blut für Öl«.
Sambagruppen trommeln gegen die Kälte an und sorgen für Stimmung in dem schier endlosen Zug. Was sich früher wie ein Lauffeuer durch eine Demonstration zog, der Ruf »Hoch-die-internationale-Solidariät«, blieb diesmal in den einzelnen Blöcken stecken. Der Bürger kannte das nicht. Dennoch war die Stimmung gut: Flachmänner mit Warmmachern wurden durch die Reihen gereicht, und wer wollte, nahm einen guten Schluck. »Love-Parade mal ganz anders und ohne den Tiergarten zu vermüllen«, sagt eine Mittfünfzigerin. Mißtrauisch beobachten Polizisten, die die Zugangsstraßen zur US-Botschaft abgesperrt haben, die vorüberziehenden Menschenmassen.
Vor der Humboldt-Universität stoppt der Zug plötzlich, man hört einen kurzen Ton, und einige Dutzend junge Leute lassen sich wie tot zu Boden fallen. Die Fahrbahn ist bedeckt mit »Leichen«, die »Die-in-Action« führt den Umstehenden drastisch vor Augen, wie die Straßen im Irak aussehen könnten, wenn der Angriff auf das Land beginnt. Doch den Hunderttausenden, die durch das Brandenburger Tor strömen, ist ohnehin klar, welche Schrecken eine militärische Invasion mit sich bringen würde. »Bush = Massenmörder« bringen zwei Hamburgerinnen ihre Meinung zum Krieg mit einer einfachen Gleichung auf den Punkt. »Krieg ist Terror«, ergänzt ein Transparent des Berliner DGB, das auf Höhe des sowjetischen Ehrenmals über den Köpfen der Demonstranten flattert.
»Ich gehe heute mit, weil ich gegen den Krieg bin, sowieso, und weil ich diesmal mit meiner Regierung demonstriere und nicht gegen sie«, sagt ein Mann, der sich in einem elektrischen Rollstuhl fortbewegt. Das sieht ein großer Teil der Demonstranten allerdings anders. Einige Friedensaktivisten weisen mit ihrem Transparent auf die Kriege hin, an denen die deutsche Regierung in den zurückliegenden Jahren beteiligt war, und fordern den »Abzug aller deutschen Truppen aus dem Ausland«. Auch der Ruf »Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt« hallt durch die Straßen. Die Kriegsgegnerschaft der Demonstranten beschränkt sich offensichtlich nicht auf die Kritik an den USA. Das bekommen auch Jürgen Trittin und Renate Künast zu spüren, die sich in den Protestzug eingereiht haben. Die beiden Minister von den Grünen, die 1999 für den Jugoslawien-Krieg gestimmt haben, müssen von ihren Leibwächtern vor aufgebrachten Demonstranten geschützt werden. Die Grünen scheinen zu merken, daß sie unter den Friedensfreunden kaum noch Zustimmung ernten. Auf den Tausenden Luftballons, mit denen die Regierungspartei Präsenz zeigt, prangt zwar der Schriftzug: »No War on Iraq«, doch das Parteisymbol fehlt.
Hinter dem Brandenburger Tor strömt die Menschenmenge in den Tiergarten. Dort vereinigt sich der Protestzug mit den rund 200000 Menschen, die sich zuvor rund um die Gedächtniskirche versammelt hatten. Dieser Teil der Demonstranten hatte bereits dafür gesorgt, daß auf Westberlins Einkaufsmeile, dem Kurfürstendamm und dem Tauentzien, nichts mehr ging. In den Seitenstraßen des Tiergartens parken Hunderte Omnibusse mit Nummernschildern aus allen Teilen der Republik, von Hattingen bis Füssen. Auf einer Bühne am Großen Stern rufen der Studienleiter an der Evangelischen Akademie Friedrich Schorlemmer und Frank Bsirske, der ver.di-Vorsitzende, zum Widerstand gegen den Irak-Krieg auf.
Wieder kann ein Großteil der Demonstranten die Ansprachen nicht verfolgen, weil die Lautsprecher nicht weit genug reichen. Die Veranstalter hatten offensichtlich nicht mit solchen Menschenmassen gerechnet. Später wird verkündet werden, daß weit über eine halbe Million Menschen an diesem Tag in Berlin für den Frieden demonstriert haben. In Stuttgart und weiteren deutschen Städten gingen insgesamt noch einmal mindestens 100000 Demonstranten gegen den drohenden Irak-Krieg auf die Straße.
Friedensdemos in mehr als 600 Städten rund um die Welt
Berlin: Mehr als eine halbe Million Menschen sagten am Sonnabend nein zum drohenden Irak-Krieg
Rom: Mit drei Millionen Demonstranten fand in der italienischen Hauptstadt am Samstag die weltweit größte Kundgebung statt. Die Teilnehmer kritisierten neben US-Präsident George W. Bush vor allem die Haltung von Ministerpräsident Silvio Berlusconi.
London: In die City der britischen Hauptstadt strömten mehr als zwei Millionen Kriegsgegner. Premier Tony Blair bezeichnete die Proteste als »natürlichen Bestandteil des demokratischen Prozesses«.
Berlin: Bei einer der größten Friedensdemonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik setzten sich in Berlin rund eine halbe Million Menschen, darunter Politiker und Künstler, für eine friedliche Lösung der Irak-Krise ein. (siehe unten)
Madrid: In der spanischen Hauptstadt gingen zwei Millionen Kriegsgegner auf die Straße, in Barcelona 1,5 Millionen. In ganz Spanien demonstrierten nach Angaben der Veranstalter fünf Millionen Menschen.
Paris: Durch die französische Hauptstadt zogen etwa 250000 Demonstranten.
New York: In der Nähe des UN-Hauptquartiers fanden sich bis zu 250000 Demonstranten zu einer Kundgebung ein. Ein Demonstrationszug war verboten worden. Mehrere Spruchbänder trugen Danksagungen an Deutschland und Frankreich für ihren Widerstand gegen eine militärische Lösung der Krise.
Sydney: Bis zu 500000 Menschen versammelten sich am Sonntag in der australischen Metropole.
Berlin: Mehr als eine halbe Million Menschen sagten am Sonnabend nein zum drohenden Irak-Krieg
Am Berliner Alexanderplatz ist kein Durchkommen. Tausende von Menschen verstopfen alle Zugänge. Man sieht die Fahnen der Antifa neben Schildern der »Grauen Panther«. Ganze Familien sind unterwegs, vom Enkel bis zur Oma, gut gekleidete Bürger tragen selbstgemalte Transparente. Für viele, das ist offensichtlich, ist dies ihre erste Demonstration. »Na klar gehe ich heute mit, ich bin gegen den Krieg, und der Bush ist doch ein Lügner«, sagt die 76jährige Rentnerin Renate B., die sich auf einen Gehstock stützen muß. Auf ihren Rücken hat sie ein weißes Transparent mit der Aufschrift »Peace« geheftet.
Während auch aus den Ausgängen der U-Bahnstation immer mehr Demonstranten zusammenströmen, werden am Fuß des Fernsehturms die ersten Reden gehalten. »Wir sind heute hierher gekommen, um gegen einen menschenverachtenden Angriffskrieg zu protestieren. Frieden ist Menschenrecht«, verkündet Angelika Claußen vom Bielefelder Friedensnetzwerk. Ludwig Baumann von der Bundesvereinigung der Opfer der NS-Militärjustiz ruft alle Soldaten auf, sich nicht für Kriege mißbrauchen zu lassen und zu desertieren. Inzwischen ist eine so unglaubliche Menschenmenge zusammengekommen, daß die aufgestellten Lautsprecher längst nicht mehr alle erreichen können. Am Neptunbrunnen spielen einige Unverdrossene gegen den Krieg Fußball. Die Leute beklatschen die Tore und beginnen langsam in Richtung Tiergarten zu ziehen.
Der Demonstrationszug schwillt immer weiter an, trotzdem werden die Menschen, die sich in der Umgebung des Alexanderplatzes versammeln, nicht weniger. »Es müssen ja mehrere hunderttausend sein, das habe ich noch nie erlebt«, sagt ein Mann, der ein Plakat einer linken Gruppe mit dem Schriftzug »No War« geschultert hat. Unter den Menschen macht sich langsam das Bewußtsein breit, auf der größten Friedensdemonstration seit den 80er Jahren zu sein. Wenn nicht sogar der größten überhaupt. Zwischen dem Alexanderplatz und dem Großen Stern im Tiergarten, dem Ort der Abschlußkundgebung, entsteht ein einziger Strom von Menschen. Aus den Seitenstraßen drängen Tausende Kriegsgegner in den Demonstrationszug. Die Berliner Prunkstraße »Unter den Linden« verwandelt sich in ein Meer von Fahnen und Transparenten gegen den Krieg. Es dominieren die selbstgemachten Plakate und Spruchbänder mit mehr oder weniger phantasievollen Slogans: »USA: Weltmacht im Lügen«; »Amerika ja, Bush nein«; und das schon bekannte »Kein Blut für Öl«.
Sambagruppen trommeln gegen die Kälte an und sorgen für Stimmung in dem schier endlosen Zug. Was sich früher wie ein Lauffeuer durch eine Demonstration zog, der Ruf »Hoch-die-internationale-Solidariät«, blieb diesmal in den einzelnen Blöcken stecken. Der Bürger kannte das nicht. Dennoch war die Stimmung gut: Flachmänner mit Warmmachern wurden durch die Reihen gereicht, und wer wollte, nahm einen guten Schluck. »Love-Parade mal ganz anders und ohne den Tiergarten zu vermüllen«, sagt eine Mittfünfzigerin. Mißtrauisch beobachten Polizisten, die die Zugangsstraßen zur US-Botschaft abgesperrt haben, die vorüberziehenden Menschenmassen.
Vor der Humboldt-Universität stoppt der Zug plötzlich, man hört einen kurzen Ton, und einige Dutzend junge Leute lassen sich wie tot zu Boden fallen. Die Fahrbahn ist bedeckt mit »Leichen«, die »Die-in-Action« führt den Umstehenden drastisch vor Augen, wie die Straßen im Irak aussehen könnten, wenn der Angriff auf das Land beginnt. Doch den Hunderttausenden, die durch das Brandenburger Tor strömen, ist ohnehin klar, welche Schrecken eine militärische Invasion mit sich bringen würde. »Bush = Massenmörder« bringen zwei Hamburgerinnen ihre Meinung zum Krieg mit einer einfachen Gleichung auf den Punkt. »Krieg ist Terror«, ergänzt ein Transparent des Berliner DGB, das auf Höhe des sowjetischen Ehrenmals über den Köpfen der Demonstranten flattert.
»Ich gehe heute mit, weil ich gegen den Krieg bin, sowieso, und weil ich diesmal mit meiner Regierung demonstriere und nicht gegen sie«, sagt ein Mann, der sich in einem elektrischen Rollstuhl fortbewegt. Das sieht ein großer Teil der Demonstranten allerdings anders. Einige Friedensaktivisten weisen mit ihrem Transparent auf die Kriege hin, an denen die deutsche Regierung in den zurückliegenden Jahren beteiligt war, und fordern den »Abzug aller deutschen Truppen aus dem Ausland«. Auch der Ruf »Deutsche Waffen, deutsches Geld morden mit in aller Welt« hallt durch die Straßen. Die Kriegsgegnerschaft der Demonstranten beschränkt sich offensichtlich nicht auf die Kritik an den USA. Das bekommen auch Jürgen Trittin und Renate Künast zu spüren, die sich in den Protestzug eingereiht haben. Die beiden Minister von den Grünen, die 1999 für den Jugoslawien-Krieg gestimmt haben, müssen von ihren Leibwächtern vor aufgebrachten Demonstranten geschützt werden. Die Grünen scheinen zu merken, daß sie unter den Friedensfreunden kaum noch Zustimmung ernten. Auf den Tausenden Luftballons, mit denen die Regierungspartei Präsenz zeigt, prangt zwar der Schriftzug: »No War on Iraq«, doch das Parteisymbol fehlt.
Hinter dem Brandenburger Tor strömt die Menschenmenge in den Tiergarten. Dort vereinigt sich der Protestzug mit den rund 200000 Menschen, die sich zuvor rund um die Gedächtniskirche versammelt hatten. Dieser Teil der Demonstranten hatte bereits dafür gesorgt, daß auf Westberlins Einkaufsmeile, dem Kurfürstendamm und dem Tauentzien, nichts mehr ging. In den Seitenstraßen des Tiergartens parken Hunderte Omnibusse mit Nummernschildern aus allen Teilen der Republik, von Hattingen bis Füssen. Auf einer Bühne am Großen Stern rufen der Studienleiter an der Evangelischen Akademie Friedrich Schorlemmer und Frank Bsirske, der ver.di-Vorsitzende, zum Widerstand gegen den Irak-Krieg auf.
Wieder kann ein Großteil der Demonstranten die Ansprachen nicht verfolgen, weil die Lautsprecher nicht weit genug reichen. Die Veranstalter hatten offensichtlich nicht mit solchen Menschenmassen gerechnet. Später wird verkündet werden, daß weit über eine halbe Million Menschen an diesem Tag in Berlin für den Frieden demonstriert haben. In Stuttgart und weiteren deutschen Städten gingen insgesamt noch einmal mindestens 100000 Demonstranten gegen den drohenden Irak-Krieg auf die Straße.
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