Venezuela unter Hugo Chávez: Zustimmung größer als vermutet?:
Die Raffinerie in Puerto Cabello ist vor allem für den venezolanischen Binnenmarkt von strategischer Bedeutung. Auf sie konzentrierten sich die Streiks vom Dezember 2002. Auch wenn die alte korrupte Leitung der Raffinerie inzwischen entlassen wurde, beklagten sich die Arbeiter über tägliche Bedrohungen. In den letzten Wochen ist ein Teil der Belegschaft gar nicht mehr nach Hause gegangen, sondern bleibt aus Angst vor Sabotage Tag und Nacht in der Raffinerie. Dazu kommt der Druck auf Familienangehörige. Einige Männer berichteten von Anschlägen gegen ihre Frauen und Kinder.
F: Was unternehmen die Arbeiter gegen Gefahr von Sabotage und Bedrohung?
Schon kurz nach dem Putschversuch im April 2002 haben Arbeiter begonnen, sich innerhalb der Raffinerie zu organisieren. Nur dadurch konnte während späterer Auseinandersetzungen ein Minimum der Produktion aufrechterhalten werden. Die Opposition gegen Hugo Chávez setzte angesichts ihrer politischen Schwäche von Beginn an auf Sabotage und versuchte, den Ölfluß zu unterbrechen, um eine Energie- und Wirtschaftskrise zu provozieren. Als ich in Puerto Cabello ankam, wunderte ich mich über eine Gruppe von knapp zweihundert Menschen vor den Werkstoren. Auf Nachfrage erklärte man mir, daß diese Leute die Raffinerie bewachen. In der Raffinerie selber waren Transparente aufgespannt, auf denen zur Verteidigung des staatlichen Ölsektors aufgefordert wurde. Ein Arbeiter sprach von Volkseigentum. Die Bereitschaft zum selbstlosen Engagement und das klare Bewußtsein der Menschen über Akteure und Interessen in Venezuela waren unglaublich beeindruckend.
F: Hatten Sie den Eindruck, daß die Mehrheit der Bevölkerung in den Städten von diesen Geschehnissen Kenntnis hat?
In Venezuela wird an jeder Ecke über Politik diskutiert. Als ich auf der Straße mit Leuten sprach, haben neun von zehn begeistert und enthusiastisch für Chávez gesprochen. Die Menschen sehen, daß sie erstmals von einer Regierung ernst genommen werden, daß sich erstmals eine für die Verbesserung ihrer Situation einsetzt. In Venezuela kann man mit einfachen Leuten über Imperialismus, Kapitalismus und Ausbeutung sprechen. Sie haben mehr von dieser Welt verstanden als mancher, der sich in Deutschland für gebildet und links hält.
F: Ein Motor des politischen Konfliktes in Venezuela sind die großen privaten Medienhäuser, die gegen die Regierung hetzen. Kommen die »einfachen Menschen« denn in den Tageszeitungen oder Fernsehstationen zu Wort?
Die privaten Medienkonzerne haben in Venezuela die Pressehoheit. Sie sind eng mit dem Big Business und der Oberschicht verbunden. Diese Schichten hat Chávez geschlossen gegen sich. Wir haben Demonstrationen der Opposition gesehen: Die Teilnehmer waren ausnahmslos gut gekleidet und von weißer Hautfarbe. So wie die Bewohner der Armenviertel Chávez lieben und seine Regierung verteidigen, so sehr wird er in den reichen Wohngegenden gehaßt und bekämpft. Allerdings gehen die Auflagen der privaten Tageszeitungen zurück.
F: Wie wird dieser Prozeß von der Regierung unterstützt?
Es gibt inzwischen zwei staatliche Fernsehsender. Außerdem findet jeden Sonntag die Sendung »Aló, Presidente« statt, eine Art Talkshow mit Hugo Chávez. Dort können die Menschen anrufen, und der Präsident steht Rede und Antwort. Bei den Gästen wird spontan das Mikrofon herumgereicht. Neben Fidel Castro gibt es wahrscheinlich keinen Politiker auf dieser Welt, der mit einem solchen Esprit und Ausstrahlung fünf Stunden lang – so lange dauerte die 166. Sendung, bei der ich dabei war – reden kann. Daß es dabei nicht langweilig wird, beweisen die enormen Einschaltquoten.
Die Tageszeitung "junge Welt" sprach mit Sahra Wagenknecht, Mitglied des PDS-Bundesvorstandes und der Kommunistischen Plattform
F: Sie waren unlängst auf einer politischen Rundreise in Venezuela. Während des Aufenthaltes konnten Sie auch eine Erdölraffinerie besuchen. Wie war die Stimmung dort?Die Raffinerie in Puerto Cabello ist vor allem für den venezolanischen Binnenmarkt von strategischer Bedeutung. Auf sie konzentrierten sich die Streiks vom Dezember 2002. Auch wenn die alte korrupte Leitung der Raffinerie inzwischen entlassen wurde, beklagten sich die Arbeiter über tägliche Bedrohungen. In den letzten Wochen ist ein Teil der Belegschaft gar nicht mehr nach Hause gegangen, sondern bleibt aus Angst vor Sabotage Tag und Nacht in der Raffinerie. Dazu kommt der Druck auf Familienangehörige. Einige Männer berichteten von Anschlägen gegen ihre Frauen und Kinder.
F: Was unternehmen die Arbeiter gegen Gefahr von Sabotage und Bedrohung?
Schon kurz nach dem Putschversuch im April 2002 haben Arbeiter begonnen, sich innerhalb der Raffinerie zu organisieren. Nur dadurch konnte während späterer Auseinandersetzungen ein Minimum der Produktion aufrechterhalten werden. Die Opposition gegen Hugo Chávez setzte angesichts ihrer politischen Schwäche von Beginn an auf Sabotage und versuchte, den Ölfluß zu unterbrechen, um eine Energie- und Wirtschaftskrise zu provozieren. Als ich in Puerto Cabello ankam, wunderte ich mich über eine Gruppe von knapp zweihundert Menschen vor den Werkstoren. Auf Nachfrage erklärte man mir, daß diese Leute die Raffinerie bewachen. In der Raffinerie selber waren Transparente aufgespannt, auf denen zur Verteidigung des staatlichen Ölsektors aufgefordert wurde. Ein Arbeiter sprach von Volkseigentum. Die Bereitschaft zum selbstlosen Engagement und das klare Bewußtsein der Menschen über Akteure und Interessen in Venezuela waren unglaublich beeindruckend.
F: Hatten Sie den Eindruck, daß die Mehrheit der Bevölkerung in den Städten von diesen Geschehnissen Kenntnis hat?
In Venezuela wird an jeder Ecke über Politik diskutiert. Als ich auf der Straße mit Leuten sprach, haben neun von zehn begeistert und enthusiastisch für Chávez gesprochen. Die Menschen sehen, daß sie erstmals von einer Regierung ernst genommen werden, daß sich erstmals eine für die Verbesserung ihrer Situation einsetzt. In Venezuela kann man mit einfachen Leuten über Imperialismus, Kapitalismus und Ausbeutung sprechen. Sie haben mehr von dieser Welt verstanden als mancher, der sich in Deutschland für gebildet und links hält.
F: Ein Motor des politischen Konfliktes in Venezuela sind die großen privaten Medienhäuser, die gegen die Regierung hetzen. Kommen die »einfachen Menschen« denn in den Tageszeitungen oder Fernsehstationen zu Wort?
Die privaten Medienkonzerne haben in Venezuela die Pressehoheit. Sie sind eng mit dem Big Business und der Oberschicht verbunden. Diese Schichten hat Chávez geschlossen gegen sich. Wir haben Demonstrationen der Opposition gesehen: Die Teilnehmer waren ausnahmslos gut gekleidet und von weißer Hautfarbe. So wie die Bewohner der Armenviertel Chávez lieben und seine Regierung verteidigen, so sehr wird er in den reichen Wohngegenden gehaßt und bekämpft. Allerdings gehen die Auflagen der privaten Tageszeitungen zurück.
F: Wie wird dieser Prozeß von der Regierung unterstützt?
Es gibt inzwischen zwei staatliche Fernsehsender. Außerdem findet jeden Sonntag die Sendung »Aló, Presidente« statt, eine Art Talkshow mit Hugo Chávez. Dort können die Menschen anrufen, und der Präsident steht Rede und Antwort. Bei den Gästen wird spontan das Mikrofon herumgereicht. Neben Fidel Castro gibt es wahrscheinlich keinen Politiker auf dieser Welt, der mit einem solchen Esprit und Ausstrahlung fünf Stunden lang – so lange dauerte die 166. Sendung, bei der ich dabei war – reden kann. Daß es dabei nicht langweilig wird, beweisen die enormen Einschaltquoten.
| < Zurück | Weiter > |
|---|












