Sieben Tage in Caracas. Eine Reportage aus Venezuela:
Das Kalkül der alten Eliten
Das erste Interview findet am Freitag morgen statt. Wir kämpfen uns durch das Gewühl der vollen Straßen zum Palacio Miraflores, dem Präsidentenpalast. Er liegt im Zentrum von Caracas, die ärmlichen grauen Wohnblocks mit den vergitterten Fenstern sind keine zweihundert Meter entfernt. Junge Männer in der Uniform der Fallschirmjäger sichern die Eingänge. 10.30 Uhr sind wir mit Anna Elisa Osorio, der venezolanischen Ministerin für Umwelt, verabredet. Wir treffen eine zurückhaltende, unglaublich sympathische Frau, die eine Lauterkeit und Authentizität ausstrahlt, wie man sie im politischen Personal der größeren Mächte dieser Welt vergeblich sucht. Sie ist ausgebildete Ärztin und erzählt uns, daß sie Hugo Chávez zu Beginn seiner Amtszeit zunächst noch mit Skepsis betrachtet hatte. Tatsächlich war der venezolanische Präsident bei seiner ersten Wahl 1998 nicht nur von der ärmeren Bevölkerung, sondern auch von Teilen der alten Eliten gestützt worden, die in ihm wohl den letztmöglichen Garanten politischer Stabilität sahen, nachdem das seit vier Jahrzehnten im Wechsel regierende korrupte Zweiparteiensystem allen politischen Kredit verspielt hatte. Das Kalkül bestand vermutlich darin, daß die alte Oligarchie die entscheidenden Hebel der Macht auch nach der Wahl in ihren Händen behalten und der politisch unerfahrene ehemalige Oberst der Fallschirmjäger die linken Ansprüche und Versprechen aus Wahlkampfzeiten im Palacio Miraflores schnell vergessen würde – ein Vergessen, dem man mit Druck wie mit Geld nachzuhelfen gedachte.
Diese Rechnung ist so oder so ähnlich schon in vielen Ländern aufgegangen. Bei Hugo Chávez ging sie nicht auf. Er machte ernst, initiierte eine neue Verfassung, die wesentliche soziale und demokratische Rechte festschreibt und per Referendum bestätigt wurde, und er leitete mit einem Paket von 49 Gesetzen die »Bolivarianische Revolution« in Venezuela ein, die zwei entscheidende Springquellen des Reichtums der alten Oberschicht von Beginn an empfindlich berührte: die Verfügung über die Öleinnahmen und den Großgrundbesitz. In diesem Augenblick wandelte sich deren partielle Billigung in wütenden Haß und geschlossenen Widerstand, der Chávez’ Bestätigung im Amt mit einem Stimmenanteil von über 60 Prozent im Jahr 2000 allerdings nicht verhindern konnte. Anna Elisa Osorio war bereits Kabinettsmitglied, als ein von Washington gesteuertes Bündnis aus einem Waffenhändler, dem Arbeitgeberverbandschef und der mit dem alten politischen System aufs engste verbundenen Gewerkschaftsspitze im April 2002 den Versuch unternahm, den gewählten Präsidenten in einem Staatsstreich wegzuputschen, ein Versuch, der dank der Unterstützung für Chávez’ Politik in Bevölkerung und Militär nach weniger als 24 Stunden zusammenbrach. Anna Osorio erzählt uns, wie sie diese dramatischen Tage erlebte. Sie spricht zugleich ohne Hehl über die Schwierigkeiten ihrer Regierung, über mangelnde politische Erfahrung vieler Neueinsteiger und daraus erwachsende Probleme.
Wendys Fotos
Um 13 Uhr haben wir den nächsten Termin. Wir treffen Wendy, eine Fotografin, die an den großen Demonstrationen unmittelbar vor dem Putsch teilgenommen hatte. Hunderttausende Menschen marschierten damals friedlich durch die Straßen von Caracas – Chávistas auf der einen, Demonstranten der Opposition auf der Gegenseite –, bis plötzlich Schüsse fielen, die in beiden Demonstrationszügen eine bis heute nicht genau geklärte Zahl von Opfern forderten, die Angaben schwanken zwischen zwölf und 35. Für diese Morde wurden damals Chávez’ Fallschirmjäger und die Nationalgarde verantwortlich gemacht, eine Behauptung, die den Präsidenten diskreditieren und einen Putsch legitimieren sollte.
Untermauert wurde diese Behauptung mit Fotos, die bewaffnete Militärs auf der zum Palacio führenden Brücke oberhalb eines Demonstrationszuges zeigen. Wir laufen mit Wendy die Straßen ab, auf denen die Auseinandersetzungen stattfanden. Sie sagt uns, daß auf der Straße unter der Brücke, also da, wo angeblich auf Demonstranten geschossen wurde, kaum Menschen waren, da die Demonstration mehr als 500 Meter von der Brücke entfernt zum Stehen kam. Weiter vorn hielten sich lediglich einige uniformierte Stadtpolizisten auf. Wendys Fotos belegen das. Die Stadtpolizei von Caracas stand damals auf seiten der Opposition und tut dies zu überwiegenden Teilen auch noch heute. Während wir Wendy interviewen, mischt sich der Inhaber eines kleines Straßenladens ins Gespräch, der damals auch da war und bestätigt, daß sie recht hat.
Das bedeutet allerdings, daß die Bilder, die seinerzeit durch die Weltpresse gingen und die Auseinandersetzungen im Lande aufheizten, schlicht gefälscht waren. Als Wendy über die dahinterstehenden Absichten spricht, klatschen ihr Passanten spontan Beifall, andere rufen »Es lebe Chávez!« und »Chávez wird bleiben!«. Im Nu haben wir einen ganzen Pulk von Menschen um uns, die sich drängen, vor der Kamera ihre Sympathie und Unterstützung für das Programm der Regierung zu bekunden, für »ihre Revolution«, wie sie immer wieder sagen.
Wendy führt uns die Straße entlang nach unten, zu jener Kreuzung, an der der Demonstrationszug tatsächlich begann. Sie hatte sich ihm damals gemeinsam mit einem spanischen Journalisten von einer Seitenstraße genähert und konnte daher sehen, was den Demonstranten verborgen blieb: Hinter einer Häuserecke hatte sich eine Gruppe bewaffneter Uniformierter der Stadtpolizei versammelt. Vor der gegenüberliegenden Häuserwand stapelt sich auch heute noch Müll in schwarzen Säcken. Hinter diesem Haufen hatten sich Wendy und der Journalist damals versteckt, um mit ihrer Kamera ein Verbrechen zu dokumentieren, dessen tatsächlicher Hergang sonst unbekannt und die Lüge darüber unwiderleglich geblieben wären. Ihre Fotos zeigen Polizisten, die mit angelegtem Gewehr in Richtung Demonstration zielen; Datum und Uhrzeit sind auf den Bildern digital vermerkt. Wendy berichtet uns, daß einer der Polizisten sie kurz darauf entdeckt und auf sie geschossen hat. Sie selbst wurde am Arm verletzt, zum Glück nicht schwer und ohne bleibende Folgen. Ihr spanischer Bekannter aber wurde so schwer getroffen, daß er für den Rest seines Lebens gelähmt bleiben wird.
Ich denke daran, wie schnell jemand in Deutschland als mutig gilt, weil er sich traut, ein paar Wahrheiten öffentlich auszusprechen, und wie viele noch nicht einmal das tun, weil sie zu feige oder zu schwach sind, auch nur einem Mindestmaß an Druck standzuhalten, und ich schaue mit Bewunderung in das offene Gesicht dieser kleinen zierlichen Frau, die damals natürlich wußte, daß sie ihr Leben riskierte.
Freddys Programm
Am Sonnabend morgen holen wir Freddy R. im Landwirtschaftsministerium ab. Freddy ist Abteilungsleiter und zuständig für die Organisation des neuen öffentlichen Lebensmittelhandels Mercal, in dem die Produkte ein gutes Drittel weniger kosten als in den privaten Supermärkten. Die ersten Mercal-Verkaufsstellen wurden im April dieses Jahres eröffnet, als die privaten Handelsketten die akute Wirtschaftskrise nutzten, um die Lebensmittelpreise in aberwitzige Höhen zu treiben. Die ausgewiesene Inflationsrate für Lebensmittel lag im Februar bei 8,7 Prozent und im März bei 7,4 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vormonat (nicht dem Vorjahresmonat!). Für viele arme Familien wurden damit elementare Existenzgüter unerschwinglich.
In Reaktion darauf begann die venezolanische Regierung, eine eigenständige öffentliche Ladenkette aufzubauen. 45 Verkaufsstellen gibt es bisher, 450 sollen es werden. Wir fahren mit Freddy in eine jener ärmlichen Wohngegenden, wie sie nur wenige Kilometer jenseits des Zentrums von Caracas beginnen. Hier bestimmen nicht mehr Wolkenkratzer in düsterem Beton das Bild, sondern kleinere, zum Teil windschiefe Häuser mit tristen Fassaden und überwiegend vergitterten Fenstern. Schmutz liegt auf der Straße. Wer hier wohnt, gehört noch nicht zu den Allerärmsten, die hausen in den Slums am Rande der Stadt in selbstgebauten Hütten, aber arm sind die Menschen auch hier.
Unser Begleiter kennt sich in dem Viertel sichtlich gut aus. Er erzählt uns auf der Fahrt, daß er die verantwortungsvolle Position im Ministerium noch nicht lange innehat. Er war vorher beim Militär, nicht ohne Stolz zeigt er uns seinen alten Ausweis, der Dienstgrad und Rang vermerkt. Wir halten unter einer breiten Brücke und gehen in die Verkaufsräume des dortigen Mercal. Angeboten werden hier in erster Linie Basisprodukte: Reis, Zucker, Salz, Milchpulver, Maismehl, Sojaöl, Säfte, Kaffee. Es ist geplant, wie uns Freddy berichtet, das Angebot bald auch auf Fleisch und Fisch auszuweiten. An der Kasse sehen wir neben normalem Geld mehrere Stapel kleiner bunter Scheine. Freddy erklärt uns, daß nach einem neuen Gesetz die Arbeitgeber verpflichtet wurden, zusätzlich zum Lohn sogenannte Lunch-Gutscheine an ihre Beschäftigten auszugeben, die in Gaststätten, aber eben auch in Lebensmittelläden eingelöst werden können.
Nachdem wir die Mercal-Filiale verlassen haben, führt uns Freddy zu einer Art Cafeteria ganz in der Nähe. Auf kahlem Betonboden stehen braune Plastikstühle um graue festgemauerte Tische. Er begrüßt den Inhaber herzlich und kennt offenbar auch die Leute, die hier beisammen sitzen. Die meisten sind ärmlich gekleidet und haben kein Getränk vor sich; sie sind vor allem deshalb hier, um sich unterhalten zu können. Als sie merken, daß wir zu Freddy gehören, begrüßen sie uns mit einer Herzlichkeit, als würden wir uns seit Jahren kennen. Der Wirt bringt Cafe con Leche und Wasser mit viel Eis, und während wir trinken, erzählt uns Freddy von seiner Familie und seinem kleinen Sohn, der vor einem Jahr schwer erkrankt war und dem kubanische Ärzte das Leben gerettet haben. Freddy hätte sich damals einen venezolanischen Arzt nicht leisten können.
Öl für Ärzte
Wir sprechen über jenes Austauschprogramm, das sich auf die Kurzformel »Öl für Ärzte« bringen läßt. Seit dem Jahr 2000 erhält Kuba von Venezuela zusätzlich Millionen Barrel Öl zu Vorzugspreisen, die 30 Prozent unter dem Weltmarktpreis liegen. Statt der Zahlung in Devisen haben die Kubaner im Gegenzug einige tausend Ärzte nach Venezuela entsandt, die dort den Aufbau eines Gesundheitssystems für die arme Bevölkerung unterstützen. Die Behandlung bei den kubanischen Ärzten ist kostenlos, an einem umfassenden System, das neben Krankenbetreuung auch Vorbeugung und Prävention umfaßt, wird gearbeitet.
Freddy berichtet uns auch von der Universität Bolivariana, die in diesem Jahr gegründet wurde, um jungen Menschen aus ärmeren Elternhäusern, für die teure Privatuniversitäten unerschwinglich sind, ein Studium zu ermöglichen. Bereits mehrere Millionen habe Chávez in dieses Projekt investiert, erzählt uns Freddy, nun sei es allerdings durch die von der Opposition provozierte Wirtschaftskrise ins Stocken geraten.
Obwohl man Freddy anmerkt, daß er uns gern von den sozialen Programmen der venezolanischen Revolution erzählt, atmet seine Schilderung nicht den Hauch der Selbstzufriedenheit eines Ministerialbeamten, der die Vorzüge seiner Regierung herausstreicht. Seine warmen braunen Augen leuchten, man spürt bei jedem Satz, den er sagt, wie sehr sein Herz daran hängt; es sind seine Programme, ebenso wie der Ausbau der Mercal-Läden sein Projekt ist, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie bitter sie gebraucht werden. In der Cafeteria spielt im Hintergrund Musik, auf einmal stutzt Freddy, hört auf das gerade begonnene Lied und beginnt laut mitzusingen. Einige andere, die an den umgebenden Tischen sitzen, tun das gleiche, sie haben schöne, klare Stimmen – und für einen Augenblick verschwinden der kahle Beton und das triste Ambiente, der Schmutz und das Grau. Anschließend bringen wir Freddy nach Hause. Er wohnt nur wenige Blocks von der Cafeteria entfernt; das Haus, vor dem er uns zu halten bittet, ist so einfach und ärmlich wie alle hier in der Gegend.
Wir steuern die Autobahn in Richtung Valencia an, wo am nächsten Tag die Sendung »Aló, Presidente« stattfindet, an der wir teilnehmen können. Als die Tankanzeige unseres Leihwagens erstmals in den roten Bereich fällt, halten wir an einer Tankstelle, die hier alle von der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA betrieben werden. Da wir nicht viel Geld bei uns tragen, bitten wir den Tankwart, unseren Motor für 20 000 Bolivar – etwa 14 Euro – aufzufüllen. Der junge Mann schaut uns erstaunt an und fragt, wie viele Fahrzeuge wir denn betanken möchten. Am Ende bekommen wir unseren Motor vollgetankt und zahlen dafür 2 000 Bolivar, was etwa 1,40 Euro entspricht. Benzin ist spottbillig in Venezuela, was Mobilität per Auto auch für die Ärmeren erschwinglich macht. Die Kehrseite freilich bilden jene unzähligen ölverschlingenden Rostlauben und verbeulten alten Riesenschlitten, die die Luft in den Ballungszentren bis zur Unerträglichkeit verpesten.
In Valencia, vielleicht 120 Kilometer westlich der Hauptstadt gelegen, haben wir uns sicherheitshalber gleich im selben Hotel eingemietet, in dem auch die Regierungscrew vom Informationsministerium und der Stab des Präsidenten übernachten. Das Hotel erweist sich als ein bescheidenes Haus in ebensolcher Wohngegend, es gibt weder Restaurant noch Bar. Lucila erzählt uns, daß in Valencia ein alter Freund von ihr wohnt, der aus ihrem argentinischen Heimatort kommt und später nach Venezuela verzogen ist. Sie hat ihn seit vielen Jahren nicht gesehen und fragt uns, ob wir mitkommen wollen. Mit einem Taxi fahren wir zu dem Café, das er uns vorgeschlagen hat.
Verglichen mit der Gegend, in der unser Hotel liegt, kommen wir in eine andere Welt: Das Lokal liegt in einer mondänen Allee, die von unzähligen offenen Bars und Restaurants gesäumt wird. Aus den meisten tönt laute Livemusik, vor den Eingängen stehen BMWs, Mercedesse und Landrover. Das Taxi hat kaum gehalten, da werden uns die Türen geöffnet, ein freundlicher Kellner geleitet uns in das bunt beleuchtete und ziemlich teuer wirkende Cafe, in dem wir uns nun leider verabredet hatten. Auch hier spielt laute Livemusik, der Laden brummt.
Wir warten nicht lange, als ein schlanker junger Mann auf uns zukommt. Sein Gesicht ist glatt und ohne Makel, die dunkelbraunen Haare perfekt gefönt. Während wir bisher selbst bei höheren Regierungsstellen noch niemanden getroffen hatten, der Englisch spricht, beginnt Frank – so heißt der junge Mann, mit dem uns Lucila kurz bekannt macht – sofort in breitem amerikanischen Englisch auf uns einzureden. Er arbeitet als Angestellter bei der örtlichen Filiale einer großen Bank, und sein Aufgabengebiet, wie er uns freimütig erzählt, besteht darin, lukrative Anlagemöglichkeiten für das Geld vermögender Valencianer, deren Reichtum überwiegend direkt oder indirekt dem Ölbusineß entspringt, zu finden – nicht in Venezuela, versteht sich, sondern im Ausland. Abgewickelt werden die Transaktionen, die wegen der Devisenkontrollen des Landes nicht nur auf legalen Wegen laufen können, über eine Außenstelle selbiger Bank in Miami.
Frank selbst reist alle paar Wochen in die Vereinigten Staaten, wie er uns erzählt. Dort scheint ihn der Menschenschlag der US-Börsentrader so beeindruckt zu haben, daß er deren Verhaltensweise und Habitus bis zur Karikatur kopiert. Er gibt sich überaus selbstbewußt, redet laut und hektisch. Nach vier bis fünf Sätzen streicht er mit ausholender Geste seine in die Stirn fallende Fönlocke zurück. Er fragt nicht groß nach unserer Meinung; da wir Ausländer sind, glaubt er uns fest auf seiner Seite.
Haßtirade
Wir – genauer gesagt: er – haben noch nicht viel geredet, da kommt er von der Bank zur Politik: Er hasse Chávez, teilt Frank uns ohne Umschweife mit. Dieser sei ein Kommunist und Freund Fidel Castros, er mache das Land kaputt und zerstöre jedes Geschäft. Chávez habe die Armen gegen die Reichen aufgehetzt, die vorher so lange friedlich beisammengelebt hätten, er habe den Haß zwischen die Klassen gebracht, er sei darauf aus, die Reichen umzubringen und zu ruinieren. Wir versuchen, etwas zu entgegnen, aber die Haßtirade, die auf uns einprasselt, läßt sich nicht stoppen. Rasant gestiegen seien die venezolanischen Bonds während des anderthalb Tage andauernden Putsches im April 2002, schwärmt Frank, aber als Chávez zurückkam, sei alles wieder weggeschmolzen. Allerdings werde der ganze Spuk wohl bald vorbei sein: In den Planungen seiner Bank für die nächsten anderthalb Jahre sei das Ende der Ära Chávez bereits fest vorausgesetzt.
Ich sehe in das aalglatte Gesicht dieses smarten Traders mit den kleinen kühlen Augen und dem schmalen Mund, der überhaupt nicht aufhört, uns in Miami-Slang seine Sicht von der Welt zu erläutern, auf deren Siegesseite er sich fühlt, weil er mit zu denen gehört, die Bonds und Derivate über die internationalen Märkte schieben und zu jeder Stunde wissen, wo der Dollar steht und wie die Aktien von Exxon sich rentieren. Unvermittelt denke ich an Freddy, an sein warmes und argloses Gesicht, Freddy, der in seinem Leben nie eine gute Ausbildung genießen konnte und nun plötzlich in einem Ministerium arbeitet. Ich denke an die triste Cafeteria von heute nachmittag, an die Menschen mit den fahlen und gezeichneten Gesichtern, die schon soviel Demütigung, soviel Verächtliches erlebt haben mögen, und ich denke an die Hoffnung, die aus ihren Augen leuchtete, wann immer Chávez’ Name fiel.
Frank holt jetzt endlich Luft und schaut uns triumphierend und beifallheischend an, sichtlich stolz auf seine rhetorisch gelungene Darbietung. Ich nutze die kleine Pause zu der vorsichtigen Bemerkung, daß steigende Bondkurse den meisten Venezolanern wohl wenig nützen und die Landreform ihnen vielleicht doch mehr helfe. Frank stutzt. Er scheint nie mit Leuten privat Umgang zu haben, die seine Meinung nicht teilen. Das Klima am Tisch kühlt sich spürbar ab, schließlich schützen wir Müdigkeit vor und machen uns auf den Weg zurück ins Hotel.
Am Sonntag morgen halb acht erhalten wir in der Hotellobby die Ausweise, die uns den Zugang zur Sendung »Aló Presidente« sichern. Dann fahren wir zu einem Industriegelände am Rande von Valencia. Am Tor stehen die gleichen jungen Fallschirmjäger, die wir bereits vom Palacio Miraflores kennen. Wir parken unser Auto und begeben uns in ein offenes, offenbar für Reden und Versammlungen vorgesehenes Gebäude, in dem etwa 50 Stühle vor einer kleinen flachen Bühne aufgebaut und namentlich reserviert sind. Einige Meter entfernt und außerhalb der direkten Absperrungen unter einem großen improvisierten Dach zum Schutz vor der Sonne sehen wir noch einmal etwa dreihundert Stühle.
Allmählich füllt sich sowohl das offene Rondell, wo wir uns befinden, als auch jenes etwas entfernte Areal. Wir gehen zu letzterem und fragen die Menschen, warum sie hier sind. Die meisten von ihnen wohnen in Valencia, allerdings, wie man ihnen ansieht, mit Sicherheit nicht in jener Gegend, in die es uns gestern abend verschlagen hatte. Eine Gruppe trägt T-Shirts mit der Aufschrift Mission Robinson. So heißt das Alphabetisierungsprogramm, das die Regierung Chávez ins Leben gerufen hat und durch das allein in diesem Jahr knapp eine Million Menschen elementare Bildung erhalten haben. Eine etwa sechzig Jahre alte Frau, die ebenfalls ein solches T-Shirt trägt, erzählt uns mit glücklichen Augen, daß sie dank der Mission Robinson seit einigen Monaten lesen und schreiben kann. Allerdings vermittelt die Mission nicht nur jene grundlegenden Fertigkeiten, sondern auch elementare politische Kenntnisse. Sie ist damit Teil eines umfassenden Bildungsprogramms der venezolanischen Regierung, zu dem nicht zuletzt auch die allwöchentlichen »Aló Presidente«-Sendungen und vielen Reden von Chávez gehören und das nach nur fünf Jahren Regierungszeit beeindruckende Ergebnisse zeitigt.
In Venezuela wird nicht nur in jeder Kneipe, an jedem Marktstand und jeder Straßenecke über Politik diskutiert, sondern diese Debatte findet auf einem Niveau und mit einem Grad an politischer Bewußtheit statt, der immer wieder verblüfft. Einfache Leute sprechen mit Selbstverständlichkeit über Imperialismus, Profitstreben und Ausbeutung, sie kennen die ökonomischen Interessen und Hintergründe der politischen Kämpfe in Venezuela und die der Angriffe aus dem Ausland. Darin liegt zweifellos eines der wichtigsten Ergebnisse, die die »bolivarianische Revolution« bereits erreicht hat: Als Chávez Präsident wurde, war er für viele allein der große, überragende Hoffnungsträger, auf den sie alle Wünsche nach einem besseren Leben übertrugen, und er wurde von ihnen fast wie ein Heiliger verehrt, gefeiert und geliebt. Sie lieben ihn heute nicht weniger, aber sie kennen ungleich besser und genauer als damals die Gründe, weshalb sie dies tun. Er hat ihre blinden Hoffnungen sehend und dadurch mündig gemacht, und dieses Verdienst wiegt vielleicht schwerer als alles, was unter den enorm erschwerten Bedingungen bisher real erreicht werden konnte. Denn es ermöglicht das Verständnis auch der Schwierigkeiten und sichert damit eine Unterstützung, die nicht zerbricht, wenn die sozialen Programme durch massive Gegenwehr behindert und aufgehalten werden.
Venezuelas Wirtschaft war im ersten Quartal dieses Jahres aufgrund der von der Opposition organisierten Streiks um 27,6 Prozent eingebrochen, die Arbeitslosigkeit stieg auf 20,7 Prozent. Normalerweise verlieren Regierungen unter solchen Bedingungen ihren gesellschaftlichen Rückhalt und werden weggefegt. In Venezuela ist dieses Kalkül der Opposition nicht aufgegangen. Bisher nicht – und das wird hoffentlich auch in Zukunft so bleiben.
Fünfstundensendung
Kurz bevor der Präsident kommt, werden die Anwesenden von einer Sprecherin gebeten, auf ihren Plätzen zu verbleiben und nicht auf die Bühne zu springen, was bei früheren Sendungen offenbar vorgekommen sein muß. Hugo Chávez trägt ein sportliches olivgrünes Hemd und wirkt von nahem völlig anders als auf den meisten Fotos, die ich von ihm kannte: viel schmaler und schlanker, die unglaublich warmen, dunklen Augen in seinem charismatischen Gesicht sind frei von jeder Härte, die man bei einem ehemaligen Militär vielleicht erwarten würde. Aber in Venezuela gilt ohnehin das meiste nicht, was man über Militärs sonst mit Recht denkt und meint.
In den nachfolgenden Stunden erläutert Chavez nahezu alle Facetten seines Reformprogramms, die Pläne und die Schwierigkeiten, und beantwortet dabei geduldig die Fragen der Anrufer, die immer wieder hereingeschaltet werden. Chávez spricht über die Landreform: Insgesamt 35 Millionen Hektar fruchtbares Land gibt es in Venezuela. 24 Millionen davon gehören fünf großen Familien, die auch die entscheidenden Machtpositionen in der venezolanischen Wirtschaft in den Händen halten. Auf diesen riesigen Ländereien werden kaum Lebensmittel für die Grundversorgung des venezolanischen Binnenmarktes angebaut, eine Ursache für die Importabhängigkeit des Landes im Lebensmittelbereich. Die Landreform verfolgt daher zwei Ziele: Durch Enteignung von Land ehemals Landlosen eine Existenzgrundlage zu geben und zugleich durch Erhöhung der inländischen Existenzgüterproduktion die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern. Eine Million Hektar wurde auf Grundlage des Landreformgesetzes bereits an neue Eigentümer übergeben, ein Vielfaches dessen sei geplant. Dabei wird nicht nur Land umverteilt; den neuen Kooperativen werden zugleich Geräte, Traktoren und Saatgut zur Verfügung gestellt sowie deren Finanzierung mit zinsgünstigen Krediten abgesichert.
Tatsächlich gehört die Landreform zu den Bereichen des chavistischen Reformprogramms, die am erbittertsten und verbissensten bekämpft werden: So wird die Weiterleitung von Saatgut vielfach boykottiert, mit dem Ergebnis, daß die jungen Kooperativen die Felder, die ihnen jetzt gehören, nicht bewirtschaften können. Technische Geräte verschwinden oder werden demoliert. Im Widerstand kooperiert die Grundbesitzerlobby eng mit korrupten Teilen der alten Verwaltung und Justiz, die ebenfalls überwiegend auf seiten der Opposition steht. Chávez spricht über eine neu gegründete Entwicklungsbank zur Unterstützung der Kooperativen und kleiner Gewerbetreibender, über die neuen Gesetze zur Anhebung der Minimallöhne, über Mercal als Teil seiner Revolution, über Mission Robinson, das Alphabetisierungsprogramm, über den Ausbau des öffentlichen Schulsystems durch Neueinstellung Tausender Lehrer und Zulassung der indigenen Sprachen, um jenen Kindern, für die Spanisch keine Muttersprache ist, erstmals überhaupt eine schulische Bildung zu ermöglichen. Er spricht über Mission Sucre, das Programm zur Ausweitung der kostenfreien höheren und Universitätsausbildung. Am Ende geht er auf die Terrorismusvorwürfe aus Washington und die Invasionspläne der USA ein.
Die Sendung dauert insgesamt fünf Stunden, aber man spürt die Zeit nicht, weil es nie auch nur eine Minute langweilig wird. Chávez erläutert und erklärt, hält Schautafeln mit ökonomischen Datenreihen in die Kamera, zwischendurch singt er sogar und die Anwesenden singen mit ihm, trotz Hitze und Schwüle auch nach Stunden noch ohne jedes Zeichen von Müdigkeit und Ermattung. Nach Ende der Sendung applaudieren ihm die Versammelten mit einem Enthusiasmus, wie ich ihn noch nie einem Menschen gegenüber erlebt habe. Da ist nichts eingeübt. Was diese Menschen hier mit lautem Jubel feiern, ist nicht nur ihr Präsident, es ist ihre Revolution, die sie – das spüre ich in diesem Augenblick – auch mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen werden, denn sie wissen, wie die Alternative zu ihr aussieht.
Besuch in der Raffinerie
Unsererseits steuern wir schließlich die Autobahn in Richtung Porto Cabello an, wo wir am nächsten Tag eine Erdölraffinerie besichtigen möchten. Für uns wurde ein kleines einfaches Hotel reserviert, dessen Zimmer sich leider dadurch auszeichnen, daß sie keine Fenster haben. Allein eine laute und alte Klimaanlage sorgt für Frischluft. Aber da man in Venezuela letztlich immer nur die Wahl hat, entweder sehr spartanisch zu wohnen, aber dafür mit Gleichgesinnten, oder aber die Gesellschaft notorischer Chávez-Hasser in Kauf zu nehmen, habe ich das Spartanische inzwischen liebgewonnen, zumal im Vergleich zu den Hütten selbst dieses Hotel noch Luxus ist.
Am nächsten Morgen fahren wir in die etwas außerhalb von Porto Cabello gelegene Raffinerie, an deren Toren uns ein junger Ingenieur empfängt. Bevor wir eingelassen werden, finden Sicherheitskontrollen an unserem Auto statt, die strenger sind als die Kontrollen am Eingang des Palacio Miraflores. Porto Cabello ist eine von drei großen Raffinerien der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA und die für den Binnenmarkt strategisch entscheidende. Gerade deshalb konzentrierten sich hier die Streikaktionen der Opposition im Dezember 2002. Wir fahren mit einem kleinen Bus durch das Gelände der Raffinerie, es ist schwül, die Sonne brennt. Uns begegnen immer wieder Militärfahrzeuge, die die Sicherheit überwachen.
In einer kleinen Baracke treffen wir zehn Arbeiter, die sich dort zu einer Pause versammeln: Ingenieure, Techniker, Meister, Ungelernte. Sie gehören zu einer Gruppe von insgesamt 40 Beschäftigten, die sich in den Tagen des Putsches vom April 2002 organisiert hatte, um im Falle erneuter zugespitzter Auseinandersetzungen besser aktionsfähig zu sein. Einer erzählt uns mit Stolz, daß das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, der konspirative Treffpunkt der Chávistas während des Putsches war.
Diese Arbeiter wissen sehr genau, was von ihnen abhängt. Ohne Zugriff auf die Öleinnahmen, die trotz Staatseigentum einst in den weiten Taschen der oberen Managerschicht, des privaten Big Busineß und einer korrupten Politikerkaste verschwanden, kann Chávez seine sozialen Programme nicht finanzieren. Die Neubesetzung der oberen Führungsebene der PDVSA und das Vorhaben, größere Teile der milliardenschweren Öleinnahmen in den Staatshaushalt umzuleiten, war der entscheidende Umschlagpunkt, an dem sich der Widerstand der Profiteure des alten Systems gegen Chávez und seine Politik formierte.
Mit dem Ausschalten der Raffinerie in Porto Cabello, erläutern uns die Arbeiter, würde auf einen Schlag die Energieader des ganzen Landes durchschnitten. Einer sagt uns, daß sie das Eigentum des Volkes schützen und verteidigen. Auf sie – betonen sie – könne der Präsident sich verlassen, »wir«, das sagen die Arbeiter uns immer wieder, »stehen zu unserer Revolution«. Nach der Fahrt durch die Raffinerie werden wir zum Mittagessen in die Kantine eingeladen. Das Essen hier ist kostenlos für jeden Beschäftigten, man kann jeden Tag zwischen vier verschiedenen Gerichten wählen, dazu gibt es eine Vorsuppe, Obst und wunderbare Säfte, für venezolanische Verhältnisse absoluter Luxus. Wer in der Ölindustrie arbeitet, ist privilegiert in Venezuela, und es war dieses Privileg, dessen Verteidigung viele Beschäftigte für die Anliegen der antichavistischen Opposition empfänglich machte.
In den letzten beiden Tagen meines Aufenthalts in Venezuela habe ich die Möglichkeit, eine Reihe außerordentlich interessanter politischer Gespräche mit Mitgliedern der Regierung Chávez’ zu führen. Hierbei erhalte ich nochmals detailliertere Informationen über die Situation in Venezuela, wir sprechen über die politische Arbeit in Deutschland sowie über die Möglichkeiten internationaler Solidarität und Unterstützung, deren Venezuela ebenso dringend bedarf wie Kuba. Keines der Regierungsmitglieder, die ich während dieser Tage treffen kann, hat das mindeste gemein mit jenem abgebrühten Typus Mensch, der in den Regierungen der westlichen Welt normalerweise solche Ämter bekleidet. Selbst wer nie etwas von den Reformprogrammen der Regierung Chávez gehört hätte, wüßte, wenn er diese Menschen trifft, daß in Venezuela die politischen Uhren anders ticken als in fast allen anderen Ländern dieser Welt.
Am Mittwoch, den 1. Oktober 2003, kurz vor fünf Uhr nachmittags setzt das Flugzeug zur Landung in Caracas an. Ich bin voller Spannung auf dieses faszinierende Land, das in einer Zeit, in der die Diktate entfesselter Profitmacherei nahezu weltweit als alternativlos gelten, den politisch-ökonomischen Ausbruch wagte. Den Ausbruch aus einer Logik, die in Venezuela 80 Prozent der Bevölkerung in bitterste Armut preßte, obwohl das Land aufgrund seiner Ölschätze zu den reichen der Erde gehören könnte. Den Ausbruch aus der Abhängigkeit von kapitalistischen Global Playern und imperialistischen Weltmächten, aus Ausbeutung, Rassismus und Erniedrigung.
Das kleine Team, bestehend aus der argentinischen Journalistin Lucila und einem irisch-deutschen Journalisten, das an einem Dokumentarfilm über Venezuela arbeitet, und das ich dabei in der folgenden Woche begleiten kann, holt mich vom Flughafen ab. Wir stürzen uns in den dicken, zähen Straßenverkehr, der hier nach anderen Regeln zu funktionieren scheint, als wir sie in Europa gewohnt sind. Im Außengürtel von Caracas fahren wir an fensterlosen Elendsbehausungen vorüber, die in unüberschaubarer Zahl an die Hänge gebaut sind. Je näher wir der Innenstadt kommen, desto mehr dominieren Hochhäuser aus grauem glanzlosen Beton, in deren unteren Etagen die Fenster vergittert sind. Unser Hotel, das wir nach knapp zwei Stunden erreichen, liegt im Stadtteil Las Mercedes und ist vor allem eines: laut. Da Caracas von unzähligen Autobahnen und breiten vielspurigen Straßen durchzogen wird, auf denen sich Tag und Nacht der Verkehr drängt, gehören die Motorgeräusche der Autos, das Konzert der Hupen und das Sirenengeheul von Rettungswagen, die sich durch die Automasse quälen, zur ständigen Geräuschkulisse, die das Leben in der Stadt begleitet.Das Kalkül der alten Eliten
Das erste Interview findet am Freitag morgen statt. Wir kämpfen uns durch das Gewühl der vollen Straßen zum Palacio Miraflores, dem Präsidentenpalast. Er liegt im Zentrum von Caracas, die ärmlichen grauen Wohnblocks mit den vergitterten Fenstern sind keine zweihundert Meter entfernt. Junge Männer in der Uniform der Fallschirmjäger sichern die Eingänge. 10.30 Uhr sind wir mit Anna Elisa Osorio, der venezolanischen Ministerin für Umwelt, verabredet. Wir treffen eine zurückhaltende, unglaublich sympathische Frau, die eine Lauterkeit und Authentizität ausstrahlt, wie man sie im politischen Personal der größeren Mächte dieser Welt vergeblich sucht. Sie ist ausgebildete Ärztin und erzählt uns, daß sie Hugo Chávez zu Beginn seiner Amtszeit zunächst noch mit Skepsis betrachtet hatte. Tatsächlich war der venezolanische Präsident bei seiner ersten Wahl 1998 nicht nur von der ärmeren Bevölkerung, sondern auch von Teilen der alten Eliten gestützt worden, die in ihm wohl den letztmöglichen Garanten politischer Stabilität sahen, nachdem das seit vier Jahrzehnten im Wechsel regierende korrupte Zweiparteiensystem allen politischen Kredit verspielt hatte. Das Kalkül bestand vermutlich darin, daß die alte Oligarchie die entscheidenden Hebel der Macht auch nach der Wahl in ihren Händen behalten und der politisch unerfahrene ehemalige Oberst der Fallschirmjäger die linken Ansprüche und Versprechen aus Wahlkampfzeiten im Palacio Miraflores schnell vergessen würde – ein Vergessen, dem man mit Druck wie mit Geld nachzuhelfen gedachte.
Diese Rechnung ist so oder so ähnlich schon in vielen Ländern aufgegangen. Bei Hugo Chávez ging sie nicht auf. Er machte ernst, initiierte eine neue Verfassung, die wesentliche soziale und demokratische Rechte festschreibt und per Referendum bestätigt wurde, und er leitete mit einem Paket von 49 Gesetzen die »Bolivarianische Revolution« in Venezuela ein, die zwei entscheidende Springquellen des Reichtums der alten Oberschicht von Beginn an empfindlich berührte: die Verfügung über die Öleinnahmen und den Großgrundbesitz. In diesem Augenblick wandelte sich deren partielle Billigung in wütenden Haß und geschlossenen Widerstand, der Chávez’ Bestätigung im Amt mit einem Stimmenanteil von über 60 Prozent im Jahr 2000 allerdings nicht verhindern konnte. Anna Elisa Osorio war bereits Kabinettsmitglied, als ein von Washington gesteuertes Bündnis aus einem Waffenhändler, dem Arbeitgeberverbandschef und der mit dem alten politischen System aufs engste verbundenen Gewerkschaftsspitze im April 2002 den Versuch unternahm, den gewählten Präsidenten in einem Staatsstreich wegzuputschen, ein Versuch, der dank der Unterstützung für Chávez’ Politik in Bevölkerung und Militär nach weniger als 24 Stunden zusammenbrach. Anna Osorio erzählt uns, wie sie diese dramatischen Tage erlebte. Sie spricht zugleich ohne Hehl über die Schwierigkeiten ihrer Regierung, über mangelnde politische Erfahrung vieler Neueinsteiger und daraus erwachsende Probleme.
Wendys Fotos
Um 13 Uhr haben wir den nächsten Termin. Wir treffen Wendy, eine Fotografin, die an den großen Demonstrationen unmittelbar vor dem Putsch teilgenommen hatte. Hunderttausende Menschen marschierten damals friedlich durch die Straßen von Caracas – Chávistas auf der einen, Demonstranten der Opposition auf der Gegenseite –, bis plötzlich Schüsse fielen, die in beiden Demonstrationszügen eine bis heute nicht genau geklärte Zahl von Opfern forderten, die Angaben schwanken zwischen zwölf und 35. Für diese Morde wurden damals Chávez’ Fallschirmjäger und die Nationalgarde verantwortlich gemacht, eine Behauptung, die den Präsidenten diskreditieren und einen Putsch legitimieren sollte.
Untermauert wurde diese Behauptung mit Fotos, die bewaffnete Militärs auf der zum Palacio führenden Brücke oberhalb eines Demonstrationszuges zeigen. Wir laufen mit Wendy die Straßen ab, auf denen die Auseinandersetzungen stattfanden. Sie sagt uns, daß auf der Straße unter der Brücke, also da, wo angeblich auf Demonstranten geschossen wurde, kaum Menschen waren, da die Demonstration mehr als 500 Meter von der Brücke entfernt zum Stehen kam. Weiter vorn hielten sich lediglich einige uniformierte Stadtpolizisten auf. Wendys Fotos belegen das. Die Stadtpolizei von Caracas stand damals auf seiten der Opposition und tut dies zu überwiegenden Teilen auch noch heute. Während wir Wendy interviewen, mischt sich der Inhaber eines kleines Straßenladens ins Gespräch, der damals auch da war und bestätigt, daß sie recht hat.
Das bedeutet allerdings, daß die Bilder, die seinerzeit durch die Weltpresse gingen und die Auseinandersetzungen im Lande aufheizten, schlicht gefälscht waren. Als Wendy über die dahinterstehenden Absichten spricht, klatschen ihr Passanten spontan Beifall, andere rufen »Es lebe Chávez!« und »Chávez wird bleiben!«. Im Nu haben wir einen ganzen Pulk von Menschen um uns, die sich drängen, vor der Kamera ihre Sympathie und Unterstützung für das Programm der Regierung zu bekunden, für »ihre Revolution«, wie sie immer wieder sagen.
Wendy führt uns die Straße entlang nach unten, zu jener Kreuzung, an der der Demonstrationszug tatsächlich begann. Sie hatte sich ihm damals gemeinsam mit einem spanischen Journalisten von einer Seitenstraße genähert und konnte daher sehen, was den Demonstranten verborgen blieb: Hinter einer Häuserecke hatte sich eine Gruppe bewaffneter Uniformierter der Stadtpolizei versammelt. Vor der gegenüberliegenden Häuserwand stapelt sich auch heute noch Müll in schwarzen Säcken. Hinter diesem Haufen hatten sich Wendy und der Journalist damals versteckt, um mit ihrer Kamera ein Verbrechen zu dokumentieren, dessen tatsächlicher Hergang sonst unbekannt und die Lüge darüber unwiderleglich geblieben wären. Ihre Fotos zeigen Polizisten, die mit angelegtem Gewehr in Richtung Demonstration zielen; Datum und Uhrzeit sind auf den Bildern digital vermerkt. Wendy berichtet uns, daß einer der Polizisten sie kurz darauf entdeckt und auf sie geschossen hat. Sie selbst wurde am Arm verletzt, zum Glück nicht schwer und ohne bleibende Folgen. Ihr spanischer Bekannter aber wurde so schwer getroffen, daß er für den Rest seines Lebens gelähmt bleiben wird.
Ich denke daran, wie schnell jemand in Deutschland als mutig gilt, weil er sich traut, ein paar Wahrheiten öffentlich auszusprechen, und wie viele noch nicht einmal das tun, weil sie zu feige oder zu schwach sind, auch nur einem Mindestmaß an Druck standzuhalten, und ich schaue mit Bewunderung in das offene Gesicht dieser kleinen zierlichen Frau, die damals natürlich wußte, daß sie ihr Leben riskierte.
Freddys Programm
Am Sonnabend morgen holen wir Freddy R. im Landwirtschaftsministerium ab. Freddy ist Abteilungsleiter und zuständig für die Organisation des neuen öffentlichen Lebensmittelhandels Mercal, in dem die Produkte ein gutes Drittel weniger kosten als in den privaten Supermärkten. Die ersten Mercal-Verkaufsstellen wurden im April dieses Jahres eröffnet, als die privaten Handelsketten die akute Wirtschaftskrise nutzten, um die Lebensmittelpreise in aberwitzige Höhen zu treiben. Die ausgewiesene Inflationsrate für Lebensmittel lag im Februar bei 8,7 Prozent und im März bei 7,4 Prozent gegenüber dem jeweiligen Vormonat (nicht dem Vorjahresmonat!). Für viele arme Familien wurden damit elementare Existenzgüter unerschwinglich.
In Reaktion darauf begann die venezolanische Regierung, eine eigenständige öffentliche Ladenkette aufzubauen. 45 Verkaufsstellen gibt es bisher, 450 sollen es werden. Wir fahren mit Freddy in eine jener ärmlichen Wohngegenden, wie sie nur wenige Kilometer jenseits des Zentrums von Caracas beginnen. Hier bestimmen nicht mehr Wolkenkratzer in düsterem Beton das Bild, sondern kleinere, zum Teil windschiefe Häuser mit tristen Fassaden und überwiegend vergitterten Fenstern. Schmutz liegt auf der Straße. Wer hier wohnt, gehört noch nicht zu den Allerärmsten, die hausen in den Slums am Rande der Stadt in selbstgebauten Hütten, aber arm sind die Menschen auch hier.
Unser Begleiter kennt sich in dem Viertel sichtlich gut aus. Er erzählt uns auf der Fahrt, daß er die verantwortungsvolle Position im Ministerium noch nicht lange innehat. Er war vorher beim Militär, nicht ohne Stolz zeigt er uns seinen alten Ausweis, der Dienstgrad und Rang vermerkt. Wir halten unter einer breiten Brücke und gehen in die Verkaufsräume des dortigen Mercal. Angeboten werden hier in erster Linie Basisprodukte: Reis, Zucker, Salz, Milchpulver, Maismehl, Sojaöl, Säfte, Kaffee. Es ist geplant, wie uns Freddy berichtet, das Angebot bald auch auf Fleisch und Fisch auszuweiten. An der Kasse sehen wir neben normalem Geld mehrere Stapel kleiner bunter Scheine. Freddy erklärt uns, daß nach einem neuen Gesetz die Arbeitgeber verpflichtet wurden, zusätzlich zum Lohn sogenannte Lunch-Gutscheine an ihre Beschäftigten auszugeben, die in Gaststätten, aber eben auch in Lebensmittelläden eingelöst werden können.
Nachdem wir die Mercal-Filiale verlassen haben, führt uns Freddy zu einer Art Cafeteria ganz in der Nähe. Auf kahlem Betonboden stehen braune Plastikstühle um graue festgemauerte Tische. Er begrüßt den Inhaber herzlich und kennt offenbar auch die Leute, die hier beisammen sitzen. Die meisten sind ärmlich gekleidet und haben kein Getränk vor sich; sie sind vor allem deshalb hier, um sich unterhalten zu können. Als sie merken, daß wir zu Freddy gehören, begrüßen sie uns mit einer Herzlichkeit, als würden wir uns seit Jahren kennen. Der Wirt bringt Cafe con Leche und Wasser mit viel Eis, und während wir trinken, erzählt uns Freddy von seiner Familie und seinem kleinen Sohn, der vor einem Jahr schwer erkrankt war und dem kubanische Ärzte das Leben gerettet haben. Freddy hätte sich damals einen venezolanischen Arzt nicht leisten können.
Öl für Ärzte
Wir sprechen über jenes Austauschprogramm, das sich auf die Kurzformel »Öl für Ärzte« bringen läßt. Seit dem Jahr 2000 erhält Kuba von Venezuela zusätzlich Millionen Barrel Öl zu Vorzugspreisen, die 30 Prozent unter dem Weltmarktpreis liegen. Statt der Zahlung in Devisen haben die Kubaner im Gegenzug einige tausend Ärzte nach Venezuela entsandt, die dort den Aufbau eines Gesundheitssystems für die arme Bevölkerung unterstützen. Die Behandlung bei den kubanischen Ärzten ist kostenlos, an einem umfassenden System, das neben Krankenbetreuung auch Vorbeugung und Prävention umfaßt, wird gearbeitet.
Freddy berichtet uns auch von der Universität Bolivariana, die in diesem Jahr gegründet wurde, um jungen Menschen aus ärmeren Elternhäusern, für die teure Privatuniversitäten unerschwinglich sind, ein Studium zu ermöglichen. Bereits mehrere Millionen habe Chávez in dieses Projekt investiert, erzählt uns Freddy, nun sei es allerdings durch die von der Opposition provozierte Wirtschaftskrise ins Stocken geraten.
Obwohl man Freddy anmerkt, daß er uns gern von den sozialen Programmen der venezolanischen Revolution erzählt, atmet seine Schilderung nicht den Hauch der Selbstzufriedenheit eines Ministerialbeamten, der die Vorzüge seiner Regierung herausstreicht. Seine warmen braunen Augen leuchten, man spürt bei jedem Satz, den er sagt, wie sehr sein Herz daran hängt; es sind seine Programme, ebenso wie der Ausbau der Mercal-Läden sein Projekt ist, weil er aus eigener Erfahrung weiß, wie bitter sie gebraucht werden. In der Cafeteria spielt im Hintergrund Musik, auf einmal stutzt Freddy, hört auf das gerade begonnene Lied und beginnt laut mitzusingen. Einige andere, die an den umgebenden Tischen sitzen, tun das gleiche, sie haben schöne, klare Stimmen – und für einen Augenblick verschwinden der kahle Beton und das triste Ambiente, der Schmutz und das Grau. Anschließend bringen wir Freddy nach Hause. Er wohnt nur wenige Blocks von der Cafeteria entfernt; das Haus, vor dem er uns zu halten bittet, ist so einfach und ärmlich wie alle hier in der Gegend.
Wir steuern die Autobahn in Richtung Valencia an, wo am nächsten Tag die Sendung »Aló, Presidente« stattfindet, an der wir teilnehmen können. Als die Tankanzeige unseres Leihwagens erstmals in den roten Bereich fällt, halten wir an einer Tankstelle, die hier alle von der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA betrieben werden. Da wir nicht viel Geld bei uns tragen, bitten wir den Tankwart, unseren Motor für 20 000 Bolivar – etwa 14 Euro – aufzufüllen. Der junge Mann schaut uns erstaunt an und fragt, wie viele Fahrzeuge wir denn betanken möchten. Am Ende bekommen wir unseren Motor vollgetankt und zahlen dafür 2 000 Bolivar, was etwa 1,40 Euro entspricht. Benzin ist spottbillig in Venezuela, was Mobilität per Auto auch für die Ärmeren erschwinglich macht. Die Kehrseite freilich bilden jene unzähligen ölverschlingenden Rostlauben und verbeulten alten Riesenschlitten, die die Luft in den Ballungszentren bis zur Unerträglichkeit verpesten.
In Valencia, vielleicht 120 Kilometer westlich der Hauptstadt gelegen, haben wir uns sicherheitshalber gleich im selben Hotel eingemietet, in dem auch die Regierungscrew vom Informationsministerium und der Stab des Präsidenten übernachten. Das Hotel erweist sich als ein bescheidenes Haus in ebensolcher Wohngegend, es gibt weder Restaurant noch Bar. Lucila erzählt uns, daß in Valencia ein alter Freund von ihr wohnt, der aus ihrem argentinischen Heimatort kommt und später nach Venezuela verzogen ist. Sie hat ihn seit vielen Jahren nicht gesehen und fragt uns, ob wir mitkommen wollen. Mit einem Taxi fahren wir zu dem Café, das er uns vorgeschlagen hat.
Verglichen mit der Gegend, in der unser Hotel liegt, kommen wir in eine andere Welt: Das Lokal liegt in einer mondänen Allee, die von unzähligen offenen Bars und Restaurants gesäumt wird. Aus den meisten tönt laute Livemusik, vor den Eingängen stehen BMWs, Mercedesse und Landrover. Das Taxi hat kaum gehalten, da werden uns die Türen geöffnet, ein freundlicher Kellner geleitet uns in das bunt beleuchtete und ziemlich teuer wirkende Cafe, in dem wir uns nun leider verabredet hatten. Auch hier spielt laute Livemusik, der Laden brummt.
Wir warten nicht lange, als ein schlanker junger Mann auf uns zukommt. Sein Gesicht ist glatt und ohne Makel, die dunkelbraunen Haare perfekt gefönt. Während wir bisher selbst bei höheren Regierungsstellen noch niemanden getroffen hatten, der Englisch spricht, beginnt Frank – so heißt der junge Mann, mit dem uns Lucila kurz bekannt macht – sofort in breitem amerikanischen Englisch auf uns einzureden. Er arbeitet als Angestellter bei der örtlichen Filiale einer großen Bank, und sein Aufgabengebiet, wie er uns freimütig erzählt, besteht darin, lukrative Anlagemöglichkeiten für das Geld vermögender Valencianer, deren Reichtum überwiegend direkt oder indirekt dem Ölbusineß entspringt, zu finden – nicht in Venezuela, versteht sich, sondern im Ausland. Abgewickelt werden die Transaktionen, die wegen der Devisenkontrollen des Landes nicht nur auf legalen Wegen laufen können, über eine Außenstelle selbiger Bank in Miami.
Frank selbst reist alle paar Wochen in die Vereinigten Staaten, wie er uns erzählt. Dort scheint ihn der Menschenschlag der US-Börsentrader so beeindruckt zu haben, daß er deren Verhaltensweise und Habitus bis zur Karikatur kopiert. Er gibt sich überaus selbstbewußt, redet laut und hektisch. Nach vier bis fünf Sätzen streicht er mit ausholender Geste seine in die Stirn fallende Fönlocke zurück. Er fragt nicht groß nach unserer Meinung; da wir Ausländer sind, glaubt er uns fest auf seiner Seite.
Haßtirade
Wir – genauer gesagt: er – haben noch nicht viel geredet, da kommt er von der Bank zur Politik: Er hasse Chávez, teilt Frank uns ohne Umschweife mit. Dieser sei ein Kommunist und Freund Fidel Castros, er mache das Land kaputt und zerstöre jedes Geschäft. Chávez habe die Armen gegen die Reichen aufgehetzt, die vorher so lange friedlich beisammengelebt hätten, er habe den Haß zwischen die Klassen gebracht, er sei darauf aus, die Reichen umzubringen und zu ruinieren. Wir versuchen, etwas zu entgegnen, aber die Haßtirade, die auf uns einprasselt, läßt sich nicht stoppen. Rasant gestiegen seien die venezolanischen Bonds während des anderthalb Tage andauernden Putsches im April 2002, schwärmt Frank, aber als Chávez zurückkam, sei alles wieder weggeschmolzen. Allerdings werde der ganze Spuk wohl bald vorbei sein: In den Planungen seiner Bank für die nächsten anderthalb Jahre sei das Ende der Ära Chávez bereits fest vorausgesetzt.
Ich sehe in das aalglatte Gesicht dieses smarten Traders mit den kleinen kühlen Augen und dem schmalen Mund, der überhaupt nicht aufhört, uns in Miami-Slang seine Sicht von der Welt zu erläutern, auf deren Siegesseite er sich fühlt, weil er mit zu denen gehört, die Bonds und Derivate über die internationalen Märkte schieben und zu jeder Stunde wissen, wo der Dollar steht und wie die Aktien von Exxon sich rentieren. Unvermittelt denke ich an Freddy, an sein warmes und argloses Gesicht, Freddy, der in seinem Leben nie eine gute Ausbildung genießen konnte und nun plötzlich in einem Ministerium arbeitet. Ich denke an die triste Cafeteria von heute nachmittag, an die Menschen mit den fahlen und gezeichneten Gesichtern, die schon soviel Demütigung, soviel Verächtliches erlebt haben mögen, und ich denke an die Hoffnung, die aus ihren Augen leuchtete, wann immer Chávez’ Name fiel.
Frank holt jetzt endlich Luft und schaut uns triumphierend und beifallheischend an, sichtlich stolz auf seine rhetorisch gelungene Darbietung. Ich nutze die kleine Pause zu der vorsichtigen Bemerkung, daß steigende Bondkurse den meisten Venezolanern wohl wenig nützen und die Landreform ihnen vielleicht doch mehr helfe. Frank stutzt. Er scheint nie mit Leuten privat Umgang zu haben, die seine Meinung nicht teilen. Das Klima am Tisch kühlt sich spürbar ab, schließlich schützen wir Müdigkeit vor und machen uns auf den Weg zurück ins Hotel.
Am Sonntag morgen halb acht erhalten wir in der Hotellobby die Ausweise, die uns den Zugang zur Sendung »Aló Presidente« sichern. Dann fahren wir zu einem Industriegelände am Rande von Valencia. Am Tor stehen die gleichen jungen Fallschirmjäger, die wir bereits vom Palacio Miraflores kennen. Wir parken unser Auto und begeben uns in ein offenes, offenbar für Reden und Versammlungen vorgesehenes Gebäude, in dem etwa 50 Stühle vor einer kleinen flachen Bühne aufgebaut und namentlich reserviert sind. Einige Meter entfernt und außerhalb der direkten Absperrungen unter einem großen improvisierten Dach zum Schutz vor der Sonne sehen wir noch einmal etwa dreihundert Stühle.
Allmählich füllt sich sowohl das offene Rondell, wo wir uns befinden, als auch jenes etwas entfernte Areal. Wir gehen zu letzterem und fragen die Menschen, warum sie hier sind. Die meisten von ihnen wohnen in Valencia, allerdings, wie man ihnen ansieht, mit Sicherheit nicht in jener Gegend, in die es uns gestern abend verschlagen hatte. Eine Gruppe trägt T-Shirts mit der Aufschrift Mission Robinson. So heißt das Alphabetisierungsprogramm, das die Regierung Chávez ins Leben gerufen hat und durch das allein in diesem Jahr knapp eine Million Menschen elementare Bildung erhalten haben. Eine etwa sechzig Jahre alte Frau, die ebenfalls ein solches T-Shirt trägt, erzählt uns mit glücklichen Augen, daß sie dank der Mission Robinson seit einigen Monaten lesen und schreiben kann. Allerdings vermittelt die Mission nicht nur jene grundlegenden Fertigkeiten, sondern auch elementare politische Kenntnisse. Sie ist damit Teil eines umfassenden Bildungsprogramms der venezolanischen Regierung, zu dem nicht zuletzt auch die allwöchentlichen »Aló Presidente«-Sendungen und vielen Reden von Chávez gehören und das nach nur fünf Jahren Regierungszeit beeindruckende Ergebnisse zeitigt.
In Venezuela wird nicht nur in jeder Kneipe, an jedem Marktstand und jeder Straßenecke über Politik diskutiert, sondern diese Debatte findet auf einem Niveau und mit einem Grad an politischer Bewußtheit statt, der immer wieder verblüfft. Einfache Leute sprechen mit Selbstverständlichkeit über Imperialismus, Profitstreben und Ausbeutung, sie kennen die ökonomischen Interessen und Hintergründe der politischen Kämpfe in Venezuela und die der Angriffe aus dem Ausland. Darin liegt zweifellos eines der wichtigsten Ergebnisse, die die »bolivarianische Revolution« bereits erreicht hat: Als Chávez Präsident wurde, war er für viele allein der große, überragende Hoffnungsträger, auf den sie alle Wünsche nach einem besseren Leben übertrugen, und er wurde von ihnen fast wie ein Heiliger verehrt, gefeiert und geliebt. Sie lieben ihn heute nicht weniger, aber sie kennen ungleich besser und genauer als damals die Gründe, weshalb sie dies tun. Er hat ihre blinden Hoffnungen sehend und dadurch mündig gemacht, und dieses Verdienst wiegt vielleicht schwerer als alles, was unter den enorm erschwerten Bedingungen bisher real erreicht werden konnte. Denn es ermöglicht das Verständnis auch der Schwierigkeiten und sichert damit eine Unterstützung, die nicht zerbricht, wenn die sozialen Programme durch massive Gegenwehr behindert und aufgehalten werden.
Venezuelas Wirtschaft war im ersten Quartal dieses Jahres aufgrund der von der Opposition organisierten Streiks um 27,6 Prozent eingebrochen, die Arbeitslosigkeit stieg auf 20,7 Prozent. Normalerweise verlieren Regierungen unter solchen Bedingungen ihren gesellschaftlichen Rückhalt und werden weggefegt. In Venezuela ist dieses Kalkül der Opposition nicht aufgegangen. Bisher nicht – und das wird hoffentlich auch in Zukunft so bleiben.
Fünfstundensendung
Kurz bevor der Präsident kommt, werden die Anwesenden von einer Sprecherin gebeten, auf ihren Plätzen zu verbleiben und nicht auf die Bühne zu springen, was bei früheren Sendungen offenbar vorgekommen sein muß. Hugo Chávez trägt ein sportliches olivgrünes Hemd und wirkt von nahem völlig anders als auf den meisten Fotos, die ich von ihm kannte: viel schmaler und schlanker, die unglaublich warmen, dunklen Augen in seinem charismatischen Gesicht sind frei von jeder Härte, die man bei einem ehemaligen Militär vielleicht erwarten würde. Aber in Venezuela gilt ohnehin das meiste nicht, was man über Militärs sonst mit Recht denkt und meint.
In den nachfolgenden Stunden erläutert Chavez nahezu alle Facetten seines Reformprogramms, die Pläne und die Schwierigkeiten, und beantwortet dabei geduldig die Fragen der Anrufer, die immer wieder hereingeschaltet werden. Chávez spricht über die Landreform: Insgesamt 35 Millionen Hektar fruchtbares Land gibt es in Venezuela. 24 Millionen davon gehören fünf großen Familien, die auch die entscheidenden Machtpositionen in der venezolanischen Wirtschaft in den Händen halten. Auf diesen riesigen Ländereien werden kaum Lebensmittel für die Grundversorgung des venezolanischen Binnenmarktes angebaut, eine Ursache für die Importabhängigkeit des Landes im Lebensmittelbereich. Die Landreform verfolgt daher zwei Ziele: Durch Enteignung von Land ehemals Landlosen eine Existenzgrundlage zu geben und zugleich durch Erhöhung der inländischen Existenzgüterproduktion die Abhängigkeit vom Ausland zu verringern. Eine Million Hektar wurde auf Grundlage des Landreformgesetzes bereits an neue Eigentümer übergeben, ein Vielfaches dessen sei geplant. Dabei wird nicht nur Land umverteilt; den neuen Kooperativen werden zugleich Geräte, Traktoren und Saatgut zur Verfügung gestellt sowie deren Finanzierung mit zinsgünstigen Krediten abgesichert.
Tatsächlich gehört die Landreform zu den Bereichen des chavistischen Reformprogramms, die am erbittertsten und verbissensten bekämpft werden: So wird die Weiterleitung von Saatgut vielfach boykottiert, mit dem Ergebnis, daß die jungen Kooperativen die Felder, die ihnen jetzt gehören, nicht bewirtschaften können. Technische Geräte verschwinden oder werden demoliert. Im Widerstand kooperiert die Grundbesitzerlobby eng mit korrupten Teilen der alten Verwaltung und Justiz, die ebenfalls überwiegend auf seiten der Opposition steht. Chávez spricht über eine neu gegründete Entwicklungsbank zur Unterstützung der Kooperativen und kleiner Gewerbetreibender, über die neuen Gesetze zur Anhebung der Minimallöhne, über Mercal als Teil seiner Revolution, über Mission Robinson, das Alphabetisierungsprogramm, über den Ausbau des öffentlichen Schulsystems durch Neueinstellung Tausender Lehrer und Zulassung der indigenen Sprachen, um jenen Kindern, für die Spanisch keine Muttersprache ist, erstmals überhaupt eine schulische Bildung zu ermöglichen. Er spricht über Mission Sucre, das Programm zur Ausweitung der kostenfreien höheren und Universitätsausbildung. Am Ende geht er auf die Terrorismusvorwürfe aus Washington und die Invasionspläne der USA ein.
Die Sendung dauert insgesamt fünf Stunden, aber man spürt die Zeit nicht, weil es nie auch nur eine Minute langweilig wird. Chávez erläutert und erklärt, hält Schautafeln mit ökonomischen Datenreihen in die Kamera, zwischendurch singt er sogar und die Anwesenden singen mit ihm, trotz Hitze und Schwüle auch nach Stunden noch ohne jedes Zeichen von Müdigkeit und Ermattung. Nach Ende der Sendung applaudieren ihm die Versammelten mit einem Enthusiasmus, wie ich ihn noch nie einem Menschen gegenüber erlebt habe. Da ist nichts eingeübt. Was diese Menschen hier mit lautem Jubel feiern, ist nicht nur ihr Präsident, es ist ihre Revolution, die sie – das spüre ich in diesem Augenblick – auch mit allen ihnen zur Verfügung stehenden Mitteln verteidigen werden, denn sie wissen, wie die Alternative zu ihr aussieht.
Besuch in der Raffinerie
Unsererseits steuern wir schließlich die Autobahn in Richtung Porto Cabello an, wo wir am nächsten Tag eine Erdölraffinerie besichtigen möchten. Für uns wurde ein kleines einfaches Hotel reserviert, dessen Zimmer sich leider dadurch auszeichnen, daß sie keine Fenster haben. Allein eine laute und alte Klimaanlage sorgt für Frischluft. Aber da man in Venezuela letztlich immer nur die Wahl hat, entweder sehr spartanisch zu wohnen, aber dafür mit Gleichgesinnten, oder aber die Gesellschaft notorischer Chávez-Hasser in Kauf zu nehmen, habe ich das Spartanische inzwischen liebgewonnen, zumal im Vergleich zu den Hütten selbst dieses Hotel noch Luxus ist.
Am nächsten Morgen fahren wir in die etwas außerhalb von Porto Cabello gelegene Raffinerie, an deren Toren uns ein junger Ingenieur empfängt. Bevor wir eingelassen werden, finden Sicherheitskontrollen an unserem Auto statt, die strenger sind als die Kontrollen am Eingang des Palacio Miraflores. Porto Cabello ist eine von drei großen Raffinerien der staatlichen Erdölgesellschaft PDVSA und die für den Binnenmarkt strategisch entscheidende. Gerade deshalb konzentrierten sich hier die Streikaktionen der Opposition im Dezember 2002. Wir fahren mit einem kleinen Bus durch das Gelände der Raffinerie, es ist schwül, die Sonne brennt. Uns begegnen immer wieder Militärfahrzeuge, die die Sicherheit überwachen.
In einer kleinen Baracke treffen wir zehn Arbeiter, die sich dort zu einer Pause versammeln: Ingenieure, Techniker, Meister, Ungelernte. Sie gehören zu einer Gruppe von insgesamt 40 Beschäftigten, die sich in den Tagen des Putsches vom April 2002 organisiert hatte, um im Falle erneuter zugespitzter Auseinandersetzungen besser aktionsfähig zu sein. Einer erzählt uns mit Stolz, daß das Hotel, in dem wir übernachtet hatten, der konspirative Treffpunkt der Chávistas während des Putsches war.
Diese Arbeiter wissen sehr genau, was von ihnen abhängt. Ohne Zugriff auf die Öleinnahmen, die trotz Staatseigentum einst in den weiten Taschen der oberen Managerschicht, des privaten Big Busineß und einer korrupten Politikerkaste verschwanden, kann Chávez seine sozialen Programme nicht finanzieren. Die Neubesetzung der oberen Führungsebene der PDVSA und das Vorhaben, größere Teile der milliardenschweren Öleinnahmen in den Staatshaushalt umzuleiten, war der entscheidende Umschlagpunkt, an dem sich der Widerstand der Profiteure des alten Systems gegen Chávez und seine Politik formierte.
Mit dem Ausschalten der Raffinerie in Porto Cabello, erläutern uns die Arbeiter, würde auf einen Schlag die Energieader des ganzen Landes durchschnitten. Einer sagt uns, daß sie das Eigentum des Volkes schützen und verteidigen. Auf sie – betonen sie – könne der Präsident sich verlassen, »wir«, das sagen die Arbeiter uns immer wieder, »stehen zu unserer Revolution«. Nach der Fahrt durch die Raffinerie werden wir zum Mittagessen in die Kantine eingeladen. Das Essen hier ist kostenlos für jeden Beschäftigten, man kann jeden Tag zwischen vier verschiedenen Gerichten wählen, dazu gibt es eine Vorsuppe, Obst und wunderbare Säfte, für venezolanische Verhältnisse absoluter Luxus. Wer in der Ölindustrie arbeitet, ist privilegiert in Venezuela, und es war dieses Privileg, dessen Verteidigung viele Beschäftigte für die Anliegen der antichavistischen Opposition empfänglich machte.
In den letzten beiden Tagen meines Aufenthalts in Venezuela habe ich die Möglichkeit, eine Reihe außerordentlich interessanter politischer Gespräche mit Mitgliedern der Regierung Chávez’ zu führen. Hierbei erhalte ich nochmals detailliertere Informationen über die Situation in Venezuela, wir sprechen über die politische Arbeit in Deutschland sowie über die Möglichkeiten internationaler Solidarität und Unterstützung, deren Venezuela ebenso dringend bedarf wie Kuba. Keines der Regierungsmitglieder, die ich während dieser Tage treffen kann, hat das mindeste gemein mit jenem abgebrühten Typus Mensch, der in den Regierungen der westlichen Welt normalerweise solche Ämter bekleidet. Selbst wer nie etwas von den Reformprogrammen der Regierung Chávez gehört hätte, wüßte, wenn er diese Menschen trifft, daß in Venezuela die politischen Uhren anders ticken als in fast allen anderen Ländern dieser Welt.
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