Blick zurück in die Zukunft: (...) Jahrhundertwenden haben seit jeher zum Rückblick und zur Vorausschau eingeladen. Besonders spannend ist die Rückschau auf einen Blick in die Zukunft, der vor gut hundert Jahren auf die Zeit um 2000 gerichtet wurde, also auf unsere jetzige Gegenwart–ein prophetischer Traum, der damals weltweit die Gemüter bewegt hat und als Buch zum Bestseller wurde.
Von Horst v. Gyzicki
Unter dem Titel Looking Backward hat diese Erzählung der amerikanische Schriftsteller und Sozialreformer Edward Bellamy geschrieben. Darin erklärt zu Beginn des 21. Jahrhunderts der amerikanische Arzt Doktor Leete in Boston einem Mister West, der 1887 auf geheimnisvolle Weise in einen Tiefschlaf verfallen ist und erst über 100 Jahre später wieder aufgeweckt wird, die inzwischen vollständig veränderten Verhältnisse in Amerika.
Aus einer Welt von Kriegen und Mangel ist inzwischen eine Welt des Friedens, des Glücks und des Wohlstands für alle geworden. Auch das Geld in seiner bisherigen Form gibt es dort nicht mehr.
Das Buch wurde in mehr als zwanzig Sprachen übersetzt und erlebte vor hundert Jahren Millionenauflagen. Als Ein Rückblick kam es 1890 auch auf Deutsch heraus. Es ist ein Zukunftsroman, in dem die Vision einer gerechten Gesellschaft entworfen wird, in der erfindungsreiche Vernunft und Solidarität das Leben der Menschen bestimmen. Erich Fromm und andere bekannte Autoren haben Bellamys utopischen Roman zu den einflussreichsten Büchern gerechnet, die je in Amerika veröffentlicht worden sind.
Das Buch ist eine heute in manchen Einzelheiten überholte, aber in den Grundzügen immer noch gültige, schonungslose Kritik an den bestehenden Verhältnissen mit ihrem Eigentums- und Dollarkult, ihrer darwinistischen Ellenbogenpraxis und Lieblosigkeit gegenüber benachteiligten Minderheiten. In der zukünftigen Gesellschaft Bellamys hat jeder das Recht auf ein menschenwürdiges Dasein und erhält alles dafür Notwendige unabhängig vom geleisteten Arbeitsbeitrag.
Bellamys Buch hat großenteils eine an platonische Dialoge erinnernde Form.Der junge Julian West, dem die Rolle des Ich-Erzählers zufällt, wird hier von seinem ,Sokrates‘, dem Arzt Dr. Leete, liebevoll-pädagogisch eingeführt in die Grundlagen der Bellamy-Kultur.Ein großer Dialog also, garniert mit einer romanhaften kleinen Liebesgeschichte, deren Farben aber eher blass bleiben.
Was mag damals die Faszination gewesen sein, die von dem Buch ausging, so dass es zum Bestseller wurde und in vielen amerikanischen Städten sogar Bellamy-Clubs entstanden?
Sicher ist es nicht die literarische Qualität des Buchs, der es seinen kaum vorstellbaren Erfolg nach seinem Erscheinen verdankt. Nein: es war der Inhalt von Bellamys eher kunstlos verfasstem, fingierten Bericht, der damals die Gemüter nicht nur in Amerika, sondern in vielen Ländern der Welt millionenfach erregte.
Was ist das Aufregende an diesem Bericht?
Bellamy bricht Tabus. Er unternimmt ein Attentat auf die herrschenden Vorstellungen und Werthaltungen seines Zeitalters: auf die Heiligkeit und Unantastbarkeit des Eigentums, auf die Autorität des Geldes und auf das Credo vom Segen der Marktwirtschaft, in der alles und jedes als Ware verkäuflich ist, auch die Kraft unserer Arme und der Erfindungsreichtum unseres Kopfes.
Kein Wunder, dass viel vom Arbeitsmarkt damals und von seinen bis in unsere Tage kaum veränderten Spielregeln in Bellamys Buch die Rede ist. Er lässt seinen Icherzähler sagen, als der endlich begriffen hat, wie es in der neuen Lebensordnung zugeht:
„Der Maßstab für den Wert einer Leistung war früher allein der Geldpreis, für den man sie vermarkten konnte. Da machte es wenig Sinn, von einer Würde der Arbeit zu sprechen. Der Schatten, den diese allumfassende Kommerzialisierung selbst auf die höchsten und achtbarsten Formen einer Arbeit warf, wurde auch damals von sensibleren Menschen schmerzlich empfunden, aber man konnte ihm nicht entkommen. Wie respektabel auch die Art der Arbeit war: die Notwendigkeit, ihren Marktpreis auszuhandeln, ließ keine Ausnahme zu. Der Arzt musste seine Heilkunst verkaufen und der Schriftsteller mit seinen Werken auf dem Büchermarkt hausieren gehen. ¯ Wenn ich das Glück nennen sollte, das unser jetziges Zeitalter von dem früheren, in dem ich geboren wurde, am meisten unterscheidet, dann würde ich sagen, dass es mir in der Würde zu bestehen scheint, die man der Arbeit gegeben hat. Man weigert sich heute, sie wie eine Ware zu behandeln, und man entzieht die Arbeitskraft so dem Markt für immer...“
Begegnet uns hier also etwa eine frühe Begeisterung für Marx und Engels?
Gleichfalls sicher nicht!
Bellamys neues Zeitalter ist zwar so beschaffen, dass manches darin ,sozialistisch’ genannt werden könnte; in seinem Buch kommt aber nirgends dieses Wort vor. Stattdessen setzt der amerikanische Autor auf den gesunden Menschenverstand, den er durch den Mund des klugen Arztes ,Dr. Leete’ über die skandalösen Ungereimtheiten seines Zeitalters sprechen lässt, in denen Millionen Menschen Amerikas und Europas ihre eigene Situation wiedererkannten: Massenarbeitslosigkeit, Konjunkturkrisen und unmäßiger Reichtum in den Händen einer kleinen Minderheit von Profiteuren der weltweiten Besitz- und Konkurrenzordnung.
Bei einem Rundgang, den Julian West gleich in den ersten Tagen nach seinem Erwachen auf eigene Hand in Boston unternimmt, vermisst er Kaufläden und Banken. Dr. Leete informiert ihn im anschließenden Gespräch: Das frühere Kaufen und Verkaufen gibt es nicht mehr! Auch das Geld ist abgeschafft! Die Verteilung von Gütern und Dienstleistungen ist jetzt gänzlich anders geregelt! Den Handel und das Tauschmittel Geld gab es vorher nur, erläutert Dr. Leete dem fassungslos dreinschauenden Julian, weil früher alle Produktion in privater Hand war!
In der neuen Wirtschaftsordnung der Bellamykultur, die wir uns wohl wie eine Föderation genossenschaftlich verfasster Gemeinwesen vorstellen müssen, ist tatsächlich (wie im frühen Kibbutz am See Genezareth und in ähnlichen Kooperativen) der Regine-Hildebrandt-Traum wahr geworden, das Zusammenleben ohne Geld zu regeln!
„Aber wie geschieht das?“ fragt Julian.
„Auf möglichst einfache Weise,“ erwiderte Dr. Leete. „Ein Kredit, der seinem Anteil an der jährlichen Gesamtproduktion des Landes entspricht, wird jedem Bürger zu Beginn jeden Jahres in der Buchführung unserer zentralen Verwaltung eingeräumt, und eine Kreditkarte wird ihm ausgestellt. Damit kann man sich in den öffentlichen Basaren, die es in jeder Gemeinde gibt, alles an Gütern und Dienstleistungen besorgen, was man nur wünscht und wann man es wünscht“.
Julian fragt, nachdem er neugierig die Karte betrachtet hat, mit der alle Abbuchungen geschehen: „Wie wird denn die Höhe des Kredits bestimmt, der den Menschen in den verschiedenen Berufszweigen eingeräumt wird? Unter welchem Rechtstitel erhält der Einzelne seinen besonderen Anteil? Was ist die Grundlage der Verteilung?“
„Sein Rechtstitel,“ erwiderte Dr. Leete, „ist sein Menschentum. Sein Anspruch beruht ausschließlich auf der Tatsache, dass er ein Mensch ist.“
„Auf der Tatsache, dass er ein Mensch ist!“ wiederholte ich ungläubig. „Sie meinen damit doch nicht etwa, dass alle den gleichen Anteil erhalten?“
„Ganz sicher.“
Julian fährt dann fort: „Die Leser dieses Buchs, die nie eine andere Regelung praktisch kennen gelernt haben und nur durch historische Studien wissen, dass in früheren Epochen ein ganz anderes System herrschte, können sich unmöglich das an Betäubung grenzende Erstaunen vorstellen, in das Dr. Leetes einfache Erklärung mich versetzte.“
Das Recht jedes Menschen auf Lebensunterhalt gründet bei Bellamy also in der Tatsache, dass er ein Mensch ist und sein ihm mögliches Bestes gibt. Nicht auf den Grad seiner Leistungsfähigkeit oder Gesundheit kommt es an. Auch blinde, kranke oder sonstwie behinderte Menschen erhalten das gleiche Einkommen ¯ weil sie Menschen sind.
Dem immer noch zweifelnden und begriffsstutzigen Julian hält Dr. Leete entgegen: „Aus Ihnen spricht das 19. Jahrhundert. Ach, Mister West, es unterliegt keinem Zweifel, dass Sie sehr lange geschlafen haben.Wenn ich Ihnen in einem Satz den Schlüssel zu den Geheimnissen geben sollte, die für einen Menschen Ihrer Zeit in unserer Zivilisation liegen, so würde ich sagen: es ist die Tatsache, dass Solidarität und Brüderlichkeit, die für Sie nur schöne Phrasen waren, für unser Denken und Fühlen ebenso wirkliche und ebenso starke Bande sind wie die Blutsverwandtschaft...“
Mit der Tochter des Hauses, der schönen Edith (in die er sich verlieben wird), kommt Julian nach einem Stadtbummel zurück und erlebt eine Überraschung. Edith fragt ihn, ob er etwas Musik hören möchte. Natürlich möchte er und erwartet, dass sie ihm etwas vorspielen oder vorsingen will. Er kann noch nicht wissen, dass in der Bellamykultur inzwischen das Radio erfunden worden ist ¯ wenn auch noch nicht der Rundfunk.
„Bitte, sehen Sie sich das heutige Programm an“, sagte sie, „und wählen Sie aus, was Sie hören möchten. Es ist jetzt fünf Uhr, müssen Sie wissen.“
Das Programm trug als Datum den 12. September 2000 und enthielt das größte Konzertangebot, das ich je gesehen hatte.
Sie ließ mich Platz nehmen, durchschritt das Zimmer und berührte nur, soviel ich sehen konnte, einen oder zwei Drehknöpfe: sofort war der Raum mit den feierlichen Tönen einer Orgel erfüllt. Ich lauschte, kaum atmend, bis zum Ende. Solche Musik, mit solcher Vollkommenheit vorgetragen, hatte ich nie zu hören erwartet.
„Herrlich!“ rief ich aus, als der letzte Ton langsam verklungen war. „Ein Johann Sebastian Bach muss das gespielt haben. Aber wo ist die Orgel?“
Edith klärte ihn auf: „ Bei der Musik ist nicht das mindeste Geheimnisvolle, wie Sie anzunehmen scheinen. Sie stammt nicht von Feen und Elfen, sondern von guten, ehrlichen und sehr geschickten Menschenhänden. Wir haben einfach den Gedanken, dass Großes und Schönes durch kooperatives Zusammenwirken entsteht, wie auf alles andere auch auf die Musik übertragen. Es gibt in der Stadt eine Anzahl von Musiksälen, die per Telefon mit denjenigen Häusern der Stadt verbunden sind, deren Bewohner die geringe Gebühr dafür zahlen wollen ¯ und das sind fast alle..“
Vorweggenommen ist hier bei Bellamy also ein 24-Stunden-Radioprogramm, das ¯ noch ohne Tonträger wie Schallplatten, Tapes oder CDs ¯ telefonisch übermittelte Originalkonzerte verbreitet.
Beiläufig wird hier deutlich: es gibt nicht nur eine Würde der Arbeit, sondern auch eine Würde der Arbeitsprodukte ¯ hier: der Dienstleistung von Musikern. Für ihre Leistung werden Gebühren erhoben, ja! Sie ist also für den Hörer auch eine ,Ware’, wenn man sie so überhaupt noch nennen will. Ihre Herstellung und Verbreitung geschieht aber in der Bellamywelt nach gänzlich anderen Regeln und Normen als in unserer Marktwirtschaft, die das Gewinn-Machen zum Grundgesetz hat.
Man könnte von einer völlig neuartigen verbraucherfreundlichen ,Warenkultur’ der Bellamy-Wirtschaft sprechen. Jedes Lebensmittel, jede Zahnbehandlung und überhaupt jedes Produkt, also auch jede Dienstleistung entspricht hier ausschließlich den Interessen des mündigen Verbrauchers. Alle Lebensverhältnisse werden so in Bellamys Welt ständig von den Bürgern mitgestaltet, und zwar durch ihre Kauf-Entscheidungen. Eine demokratische Kultur der Güter und Dienstleistungen also, für deren Bereitstellung die Planungsbüros des Gemeinwesens verantwortlich sind.
Auch die Wünsche von Minderheiten werden dabei berücksichtigt, denn die individuelle Freiheit der Lebensgestaltung gilt in der Bellamykultur ebenso als ein hoher Wert wie die Gleichberechtigung und die Brüderlichkeit. Aufwendige Sonderwünsche bleiben also keineswegs unerfüllt, wenn jemand dafür mit seiner Kreditkarte ,bezahlt’.
Geldsummen zur privaten Vermögensbildung kann hier zwar niemand mehr ansammeln; Preise und ihre Berechnung gibt es aber natürlich immer noch. Die Arbeitskosten sind dafür die Grundlage, und da es keine Einkommensunterschiede gibt, ist allein die Arbeitszeit der Maßstab. Da aller Grund und Boden dem Gemeinwesen gehört, lassen Rohstoffpreise sich vertraglich zwischen Verwaltungsabteilungen vereinbaren.
Mitbestimmung gibt es in der Bellamy-Wirtschaft übrigens auch am Arbeitsplatz, wo alle Berufstätigen bei der Auswahl von Vorgesetzten mitwirken.
Die Arbeitszeiten sind kurz; es gibt regelmäßigen Urlaub; mit 45 Jahren ist man frei von Dienstpflichten. Ein System der Vollbeschäftigung im Arbeitsleben wird so ermöglicht. Zur Berufstätigkeit in der Wirtschaft sind zwischen dem 21. und 45. Lebensjahr alle Bürger und Bürgerinnen verpflichtet. Die Zeit danach gilt als beneidenswerter Lebensabschnitt. „Mit 45 werden wir wieder jung”, sagt man dort. Man wird 85 oder 90 Jahre alt: „Der Nachmittag ist die schönere Hälfte des Lebens”, heißt es bei den Bellamyleuten. Die meisten Menschen reisen dann, erholen sich gesellig, genießen das Leben und die Muße.
Das gesamte Gemeinwesen ist bei Bellamy wie ein alle Lebensbereiche umfassender, großer Wirtschaftskonzern organisiert. Nach heutigen Vorstellungen kann man ihn sich als eine einzige, allen Bürgern gehörende Aktiengesellschaft neuer Art denken. Am erwirtschafteten Reichtum dieses Großkonzerns ist jedermann mit den nicht übertragbaren Kreditkarten gleichberechtigt beteiligt.
Aus einem weiteren Bericht Julians über seine ersten Eindrücke im neuen Boston: „Nachdem Dr. Leete meine zahlreichen Fragen beantwortet hatte, fragte er mich, welcher Unterschied zwischen der neuen und der alten Stadt mir am meisten auffiele.” „Um von den kleinen Dingen zuerst zu reden”, erwiderte ich, „so glaube ich dass das Fehlen der Schornsteine und von Rauchfahnen die Eigentümlichkeit ist, die mir zuerst aufstieß.” „Ach”, rief er lebhaft aus, „ich hatte die Schornsteine vergessen; es ist so lange her, dass diese Dinger außer Gebrauch kamen. Seit einem Jahrhundert beinahe ist das primitive Verbrennungsverfahren veraltet, das bei Ihnen damals Wärme lieferte.”
„In der Energieversorgung des neuen Boston hat sich also Entscheidendes verändert. Überall wird elektrischer Strom und modernste Technik verwendet. Dass an früher Stelle in Bellamys Buch von Energieproblemen die Rede ist, lässt sich vielleicht als eine Art Violinschlüssel für das Ganze dieser prophetischen Erzählung verstehen. Bellamy selbst hat möglicherweise solche dramaturgischen Überlegungen gar nicht angestellt, aber oft sind ja Texte klüger als ihr Autor. In eher beiläufiger Form lässt er seine Figuren hier das Thema Wärme- und Energie-Erzeugung berühren, das im Grunde den gesamten Neuansatz mit trägt: Es geht um das Erschließen und Nutzbarmachen neuer Energien auch in der Motivation der Menschen um 2000. Es geht um eine Produktivkraft und einen Wärmestrom, wie sie in unseren Tagen Joseph Beuys vor Augen hatte ¯ zum Beispiel mit seiner Honigpumpe am Arbeitsplatz. Dieses Kunstwerk lässt sich als ein Symbol deuten für seelisch-geistige Kräfte, die gegen Lieblosigkeit und ,Mobbing’ im Konkurrenzkampf unseres Berufslebens gerichtet werden können.
Es gab viel Kritik an Bellamys Zukunftsvision. Sie wurde nicht nur kritisiert von Gegnern jeder Planwirtschaft. Bellamys Staat ist in der Tat hochgradig zentralisiert. Das Gemeinwesen besitzt nicht nur alle Produktionsmittel, sondern regelt auch sämtliche öffentlichen Aktivitäten. Die Gefahren eines bürokratischen Managersystems hat Bellamy nicht vorausgesehen, und er hat wohl auch die in jedem von uns angelegte Möglichkeit unterschätzt, in den Trott des ,alten Adams’ oder Neandertalers zurückzufallen.
Manche kritisierten auch, dass in Bellamys Gesellschaft der materielle Komfort das Hauptziel des Lebens ist und die spirituelle Entwicklung des Menschen vernachlässigt wird. Ein geistloser Materialismus ist jedoch nicht Bellamys Sache. Für ihn ist die Liebe zur Menschheit die Grundlage jeder Religiosität, und er weist ihr in der Erziehung und im Alltag seiner neuen Gesellschaft eine Schlüsselrolle zu. Die Ansprache eines Radiopfarrers in Bellamys Buch ist vom Geist der Bergpredigt des Neuen Testaments geprägt.
Ein „grundlegendes Motiv des menschlichen Lebens”, schreibt Bellamy in The Religion of Solidarity, „zielt auf das Verbundensein mit anderem Leben und mit allem Lebendigen... Dieses dynamische Grundgesetz erfahren wir in der Liebe zwischen Mann und Frau, in der Liebe zum Mitmenschen, zur Natur und zu den großen Ideen, die Symbole der Solidarität für uns sind...”
Wie das erneuerte Ethos sich in Staat und Wirtschaft, im Bildungswesen, im Verhältnis der (natürlich voll gleichberechtigten) Geschlechter, im kulturellen Leben und weiteren Bereichen unseres Daseins im einzelnen verwirklicht, davon handeln die achtundzwanzig Kapitel des Bellamybuchs. Nur wenige Beispiele konnten hier angeführt werden.
Ist die neue, die andere Bellamykultur nur ein Schriftstellertraum? Und was kann sie uns heute noch bedeuten?
Natürlich konnte sich niemand vor rund hundert Jahren die schauerliche Karikatur von Bellamys Vision vorstellen, die dann als Sowjet-Sozialismus unsere Welt siebzig Jahre lang in Schrecken versetzt hat ¯ mit dem ,Big Brother’ und mit der Gulag-Hölle. In diesem System sollten zwar (wie Orwell in seiner ,Animal Farm’ sagt) ,alle gleich’ sein, einige aber sollten ,more equal’, ,mehr gleich’ sein als andere, zum Beispiel das Alpha-Tier Napoleon und seine Kreaturen.
Nach solchen Erfahrungen im letzten Jahrhundert wird heute kaum ein Mensch noch so naiv sein, sich eine umfassende Bellamy-Ordnung zu wünschen, in der alle Lebensverhältnisse von Manager-Beamten geregelt werden. Utopische Träume von einer Weltbeglückung oder vom ,Tausendjährigen Reich’ sind zu oft ausgeartet zu einer unmenschlichen Partei-Despotie.
Was einmal als Hoffnung ,Sozialismus’ hieß, wird heute vielleicht neu erfunden: Angesetzt wird dabei nicht länger bei Allmachtsphantasien von einer ,Weltrevolution’. Angesetzt wird in realistischen Versuchen überschaubarer Größenordnung, die sich gewissermaßen als Inseln einer erneuerten Alltagskultur mitten im Kapitalismus behaupten. Den Visionen Bellamys stehen sie meist sehr nahe.
Solche Pilotprojekte kommen nicht nur in der Literatur vor, sondern sie sind bereits gelebte Wirklichkeit in vielen Regionen unseres Globus, oft in Form von Kooperativen. Die Menschen, die sich darin zusammentun, bringen die ,Kraft ihrer Arme und den Erfindungsreichtum ihrer Köpfe’ ein in diese Neugründungen. Was sie gemeinsam erwirtschaften, teilen sie redlich, und ,die Starken tragen die Schwachen’, ganz wie Regine Hildebrandt es sich wünscht...
Einiges scheint tatsächlich dafür zu sprechen, dass der in allen Ländern anwachsende Druck der ungelösten Probleme unsere Lebensformen grundlegend verändern wird. Martin Buber hat einmal in seiner Schrift ,Pfade in Utopia’ den ,,Mangel an Zielvorstellungen beim Werden der neuen sozialen Gestalt“ beklagt, und er hat damit gemeint, es fehlen überzeugende inhaltliche Alternativen zu den vorherrschenden Lebensformen unserer Welt. In den frühen jüdischen Gemeinschaftssiedlungen sah er von solchen Alternativen bereits einiges verwirklicht.
Heute gibt es zum Beispiel in Nordamerika eine wachsende Zahl erfolgreicher, genossenschaftlich verfasster Betriebe–von der ökologischen Landwirtschaft über Einkaufs- und Dienstleistungzentren, Versicherungs- oder Bankunternehmen und Wohnungsbaugesell-schaften bis zu Buchläden, Verlagen und Restaurants. In einem 1996 herausgekommenen Überblick (von Nadeau und Thompson) werden unter dem Titel ,Cooperation Works!’ diese hierzulande viel zu wenig bekannten Neugründungen eindrucksvoll beschrieben.
In den USA und sogar in Japan existieren inzwischen erste Föderationen genossenschaftlicher Gemeinwesen, die den frühen jüdischen Kibbuzim in manchen Hinsichten sehr ähnlich sind. Solche Föderationen sind im Grunde so etwas wie kleine „Bellamy-Konzerne”.
All dies sind ermutigende Anzeichen dafür, dass Visionen von einer gerechten Lebensordnung nicht nur ein Schriftstellertraum sind, sondern dass wir uns andere, menschen- und lebensfreundliche Verhältnisse schon heute und hier einrichten können.
Anmerkung: Feature über Edward Bellamys prophetische Erzählung ,Looking Backward’Von Horst von Gizycki (gesendet am 6.2.2000 im Südwestrundfunk Baden-Baden). Mit freundlicher Genehmigung von Horst von Gizycki.