Zucker für die Börse? Ein Insider plaudert das offene Geheimnis des Irak-Kriegs aus
In seiner Rede vom 7. Oktober in Cincinnati, Ohio, erklärte George W. Bush zur Frage »Warum Irak?«: »Die Welt ist voller Gefahren, aber die Bedrohung, die vom Irak ausgeht, ist einmalig, weil hier die größten Gefahren unseres Zeitalters an einem Ort zusammenkommen.« Es folgte die bekannte Litanei über die Gefahr eines unmittelbar bevorstehenden chemischen und biologischen Angriffs des Irak auf amerikanisches Territorium, über einen drohenden atomaren Angriff von seiten Bagdads und über Saddam Husseins angebliche Verbindungen zum Al-Qaida-Terrornetz. Ein Wort mit zwei Buchstaben kam dem Präsidenten allerdings nicht über die Lippen–Öl.
Ganz anders sieht es jedoch aus, wenn die Kameras abgeschaltet sind und die Regierungsvertreter und Konzernvorstände sich ungezwungen miteinander unterhalten. So geschehen bei einem Treffen prominenter Geschäftsleute in Grand Rapids, Michigan, Mitte Oktober, bei dem ein prominenter Insider Washingtons und der Wall Street die Rede hielt.
Ein US-Krieg gegen den Irak ist »für die Börse ungefähr das Beste, was ich mir vorstellen kann«, teilte William Seidman in dem vornehmen Peninsula Club mit. Seidman ist Kommentator bei CNBC und war Wirtschaftsberater der Präsidenten Nixon, Ford, Reagan und Bush senior. Früher war er Vorstandsvorsitzender der Federal Deposit Insurance Corporation und Leiter der Resolution Trust Company, der Bundesbehörde, die in den 80er Jahren zur Rettung der skandalgeschüttelten Sparkassen eingerichtet wurde. Er fungierte als Berater im Übergangsteam von Bush junior und unterhält immer noch enge Beziehungen zu hohen Repräsentanten der Regierung.
Der Grand Rapid Press zufolge, die als einzige über seine Bemerkungen berichtete, erklärte Seidman vor der Versammlung, daß er gerade von einem Informationstreffen des Außenministeriums komme, auf dem die amerikanischen Pläne für eine Besetzung des Irak erläutert worden waren. Die irakische Regierung zu beseitigen und ein amerikanisches Militärregime zu errichten, das die Ölfelder des Landes kontrolliere, sei »mindestens so wichtig wie die Beseitigung von Massenvernichtungswaffen«, sagte er. »Die Kontrolle über das Öl dort ist von großer Bedeutung für alles mögliche, aber besonders für den Ölpreis.« »Wir planen, im Irak eine Regierung nach dem Vorbild MacArthur einzurichten«, sagte der Redner enthusiastisch, wobei er sich auf das Besatzungsregime der USA in Japan am Ende des Zweiten Weltkriegs bezog. »Wenn wir im Irak sind, kann niemand mehr Öl als Waffe einsetzen.«
Seidman deutete an, daß eine amerikanische Militärherrschaft über das arabische Land auch Washingtons Position gegenüber dem anderen großen Ölproduzenten des Nahen Ostens, nämlich Saudi-Arabien, stärken würde, da sie dem Land eine unabhängige Ölpolitik praktisch unmöglich machen würde. »Wenn zwei große Ölproduzenten nicht unter dem Einfluß radikaler Moslems oder einer anderen unfreundlichen Regierung stehen«, sagte er, »dann wäre das ein bedeutsamer Faktor für die Weltwirtschaft.«
Der gleiche Punkt wurde in einem Kommentar in der Los Angeles Times herausgearbeitet. Der Artikel mit dem Titel »Ölwirtschaft schmiert Kriegsvorbereitungen« wurde gemeinsam von Robert Johnson, einem New Yorker Finanzier, der früher Chefökonom des Bankenausschusses des Senats und danach Managing Direktor des Soros Fund Management war, und von Thomas Ferguson, einem Politikprofessor an der Universität von Massachusetts, veröffentlicht. Im Unterschied zu Seidman beurteilen Johnson und Ferguson die Auswirkungen, die eine Eroberung des Irak durch die USA auf die Weltwirtschaft haben würde, alles andere als positiv. Sie meinen, daß Washingtons militärischer Unilateralismus in Hinsicht auf den Persischen Golf seine Entsprechung in einem ökonomischen Unilateralismus findet, der die globalen ökonomischen und politischen Beziehungen destabilisieren könnte.
»Indem wir das Ziel des "Regimewechsels" propagieren, statt das der Vernichtung von Waffen«, schreiben sie, »und demonstrativ die Übernahme der operativen Kontrolle im Irak für einen längeren Zeitraum vorbereiten, senden wir eine deutliche Botschaft an die Finanz- und Außenministerien der ganzen Welt: In Fragen, die den Ölpreis und den Kurs des Dollar betreffen, werden wir entsprechend unserer eigenen Interessen handeln und uns wenig um die Interessen und Ansichten anderer kümmern.«
Iraks im Überfluß vorhandenes, billiges Öl lasse ihn »eine zentrale Rolle bei der Stabilisierung des Ölpreises in beide Richtungen spielen«, argumentieren sie. »Wenn die Preise zu sehr steigen, kann der Irak einfach die Produktion steigern. Weniger offensichtlich ist aber auch das Folgende: Wenn die Saudis einen ruinösen Preiskrieg führen wollen, wie sie es in den vergangenen Jahren zweimal getan haben, um durch starke Preissenkungen andere Kartellmitglieder davon abzubringen, zu viel Öl zu produzieren, dann spielt der Irak wiederum eine Schlüsselrolle. Weil eine weitere Tankstelle mit niedrigen Preisen im Geschäft ist, können die Saudis nicht mehr sicher sein, bei fallenden Preisen ihre Gesamteinnahmen zu halten, weil sie die Bonanza mit den Irakern teilen müßten. Diese Preisbremse nach unten wäre eine willkommene Nachricht für kleinere Produzenten, einschließlich jener in Texas...«
Solche Überlegungen werden George W. Bush, dem früheren Gouverneur von Texas und Vorstandsmitglied von Harken Energy, oder dem Vizepräsidenten Richard Cheney, dem ehemaligen Vorstandsvorsitzenden des Energiegiganten Halliburton, nicht fremd sein. Halliburton hatte von 1997 bis 2000, als Cheney noch an der Spitze der Firma stand, Verträge über die Lieferung von Ölförderausrüstungen im Wert von 73 Millionen Dollar mit Bagdad abgeschlossen.
Aber für die Öffentlichkeit gilt Öl als schmutziges Wort, das dem Präsidenten niemals über die Lippen käme. So kam es am Tag nach der Rede in Cincinnati zu diesem außergewöhnlichen Wortwechsel zwischen einem ungläubigen Korrespondenten im Weißen Haus und dem Sprecher des Präsidenten, Ari Fleischer.
Frage: »Wieviel hat das Öl mit der Einschätzung der Bedrohung zu tun, die von Saddam Hussein ausgeht? Präsident Bush hat darüber nichts gesagt.«
Fleischer: »Ich glaube ich verstehe Ihre Frage nicht ganz...«
Frage: »Die meisten Sicherheitsexperten sind der Meinung, daß Öl ein zentraler Aspekt für die Sicherheit der Nation ist... wollen Sie sagen, daß Öl überhaupt kein Faktor in den Überlegungen des Präsidenten ist?«
Fleischer: »Wenn Sie sich die Beschlüsse der Vereinten Nationen anschauen, die Beschlüsse des Kongresses, was Präsident Clinton unterschrieben hat und was die Positionen von Präsident Bush sind, dann ist das kein Faktor.«
Frage: » Also ist Öl kein Faktor?«
Fleischer: »Es ist kein Faktor...«
Frage: »Also, die Stabilität des Ölpreises ist keine Frage der nationalen Sicherheit oder der Wirtschaft–wie können Sie sagen, daß das kein Faktor ist? Ich kann das nicht verstehen.«
Fleischer: »Hier geht es um den möglichen Einsatz militärischer Gewalt. Und dabei geht es um das Leben von Amerikanern.«
Diese Doppelzüngigkeit und Lügen sind typisch für alle Erklärungen des Weißen Hauses und werden von den Medien kritiklos weiterverbreitet. Die US-Regierung versucht, vor der amerikanischen Öffentlichkeit zu verbergen, daß sie sich auf ein kriminelles militärisches Abenteuer vorbereitet. Unter vielfältigen Vorwänden, von der Zerstörung von »Massenvernichtungswaffen« bis zum Kampf gegen den Terrorismus und selbst geheuchelter Sorge um die Leiden des irakischen Volkes, bereitet sie einen Aggressionskrieg vor, in dem Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende sterben werden, damit die amerikanischen Ölgesellschaften die Kontrolle über die irakischen Ölfelder bekommen. Gleichzeitig versichern Experten, die der Bush-Regierung nahestehen, deren wichtigster Basis, der Wirtschafts- und Finanzelite, daß die Eroberung und Rekolonisierung des Irak eine schnelle Lösung für die immer schärfere Krise des amerikanischen Kapitalismus verspreche.
| < Zurück | Weiter > |
|---|












