Schöner Leben ist vorbei.:
Teil 1 – Über Ursachen und Folgen der globalen Wirtschaftskrise
Neulich ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen. Ich erinnerte mich an meine Kindheit in den 70er Jahren. Meine Eltern hatten eine passable Mietwohnung, schön eingerichtet. Mein Vater arbeitete rund 40 Stunden pro Woche, dafür hatten wir Schrankwand, Stereoanlage, Farbfernseher und jeden Tag genug zu Essen.
Ein Auto stand vor der Tür, mit dem fuhren wir einmal im Jahr in den Sommerferien in Urlaub: Italien oder Dänemark. Kurz, es hat uns an nichts gemangelt, es ging uns gut, wir lebten im bescheidenen mittelständischen Wohlstand der BRD, wie die meisten Leute um uns herum.
30 Jahre später stelle ich fest, dass es mir, der ich inzwischen selber Familie habe, ähnlich gut geht. Stereoanlage und Fernseher sehen etwas moderner aus, die Reiseziele liegen manchmal etwas ferner und auf eine Schrankwand können wir gut verzichten. Aber im Prinzip hat sich nichts geändert, der bescheidene mittelständische Wohlstand hat auch mich und meine Familie ereilt. Glück gehabt, denn vielen geht es nicht so gut. Hartz IV muss hier nicht weiter erläutert werden, es sind Millionen, die davon leben müssen und bei denen es nur zum notwendigsten reicht. „Gut“ leben kann damit niemand.
Doch irgendwas ist da faul, dämmerte es mir. Wieso um alles in der Welt geht es vielen Leuten schlechter als noch vor 30 Jahren? Wieso um alles in der Welt gehe ich jede Woche mehr als 40 Stunden arbeiten und nehme noch Stress mit nach Hause? Sollte sich eine Gesellschaft in 30 Jahren nicht weiter entwickeln?
Sollte sie! Betrachtet man die Entwicklung der Produktivität, wird deutlich, dass sich diese im Zeitraum von 1992 bis 2007, also in 15 Jahren, um 25 % erhöht hat
[Grafik]. Die Steigerung der Produktivität verläuft annähernd linear, so dass über einen 30-jährigen Betrachtungszeitraum die Produktivität annähernd um 50 % gestiegen sein sollte. Auch die Betrachtung des annähernd parallel verlaufenden Bruttoinlandsprodukts (BIP) – also der Gesamtwert aller im Inland produzierten Waren und Dienstleistungen – legt dies nahe. Das BIP hat sich seit 1970 bis 2001 im früheren Bundesgebiet (ohne DDR) annähernd verdoppelt (von 897 Mrd. Euro auf 1.687 Mrd. Euro) [1]
Wenn die Produktivität in 30 Jahren um 50 % gestiegen ist, wäre es dann nicht nahe liegend, dass mit 50 % weniger Arbeit heute der Lebensstandard von 1970 möglich wäre? Oder andersrum mit der gleichen Arbeitszeit eine ungleich reichere Gesellschaft realisierbar sein sollte? Hartz IV wäre passé, ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne weiteres möglich. Die Arbeitszeit könnte ohne Not auf zum Beispiel 4 bis 6 h pro Tag gesenkt werden, Arbeitslosigkeit würde der Vergangenheit angehören, weil die gesellschaftlich notwendige Arbeit auf alle verteilt werden könnte, die ausreichend qualifiziert sind, statt viele kreative und arbeitswillige Menschen auszuschließen. Ja, so einfach könnte das sein. Aber folgende Fakten machen einen Strich durch die Rechnung:
„Ihr Geld ist nicht weg, es hat nur jemand anderes!“Gleichzeitig zur Steigerung der Produktivität nahmen nämlich auch die privaten Vermögen der Kapitalbesitzer rasant zu. Die nachfolgende Grafik zeigt die Entwicklung in den USA, die aber auch auf Länder wie Deutschland prinzipiell übertragbar ist.
Während 1 % der reichsten Amerikaner 1980 rund 20 % des Vermögens besaßen, waren es 20 Jahre später bereits 40 %. Ein Zehntel der Amerikaner besitzt heute 70 % des gesamten Vermögens. 90 % der Bevölkerung teilt sich den Rest
[Grafik].
Der Zuwachs der Produktivität hat also vor allem zu einem unglaublichen Zuwachs der privaten Vermögen geführt, und zwar der Vermögen einer kleinen Minderheit. Nur ein Teil dieser Vermögen wird spekulativ an den Aktienmärkten als „Spielgeld“ eingesetzt. Ein Großteil ist auf herkömmliche Weise konservativ, z. B. bei Banken, angelegt. Die Summe der privaten Vermögen in Steuerparadiesen wie Jersey oder den Cayman Inseln beträgt rund 11 Billionen US-$. Und dieses Vermögen will vermehrt werden, stetig. Und da diese gigantischen Vermögen in der Regel außerhalb der Landesgrenzen „geparkt“ werden, in Steuer„oasen“ oder „-paradiesen“, bleiben diese Vermögen auch in Gänze privat; der Fiskus geht leer aus. Wo kämen wir auch da hin, wenn sich Multimillionäre und -milliardäre derart einschränken müssten, um ihre Herkunftsländer, in denen sie immer gerne auf intakte Infrastruktur, gutes Bildungs- und Gesundheitswesen zurückgegriffen haben, durch angemessene Steuerzahlungen mitfinanzieren zu müssen? Nein, lieber umgekehrt.
Droht durch die aktuelle Krise eine Bank oder ein privates Unternehmen, beispielsweise der Familien Schaeffler oder Merckle pleite zu gehen (und damit das verbankte Vermögen der Superreichen – Frau Schaeffler steht in der Forbes Liste 2007 der reichsten Menschen der Welt an Stelle 78 – ebenfalls zu entschwinden), muss eben wieder der Staat – und somit alle anderen Bürger, durch Mehrwertsteuer etc. inklusive der Hartz IV-Empfänger, einspringen, um die
armen Reichen vor dem „Ruin“ zu retten.
Dabei sind es eben unter anderem auch jene gigantischen Geldvermögen, die maßgeblich zur Krise beigetragen haben und diese potenzieren. Denn wo bei Banken Ausgaben in Form von Zinszahlungen fällig werden, sind auf der anderen Seite entsprechend hohe Einnahmen notwendig.

Daher waren die Banken gezwungen, ihre Kreditsummen auszuweiten und selbst Kredite an die zu vergeben, die eigentlich nicht in der Lage sind, sie dauerhaft zu refinanzieren, da ihre Jobs und Einkommen weder sicher noch hoch genug waren.
Eigentlich ist alles ganz einfach: Die Unternehmen haben in den letzten Jahren gigantische Gewinne eingefahren, aus dem Mehrwert, den die Beschäftigten erwirtschaftet haben. Zur Steigerung des Profits wurden die Löhne gedrückt, Zurückhaltung bei Lohnabschlüssen verlangt und aufgrund gewerkschaftlicher Defensive auch durchgesetzt. So fiel seit Beginn der achtziger Jahre die Lohnquote, die das Verhältnis zwischen individuellen Einkommen (Arbeitnehmerentgelt) und gesamten Volkseinkommen als Maß für die Einkommensverteilung darstellt, drastisch.
Da die Menschen für ihre viele Arbeit trotzdem entsprechend konsumieren wollten, wurde eben auf Pump gekauft. Ratenzahlungs-Angebote schossen wie Pilze aus dem Boden und Kredite gab es nahezu für jedermann. Das heißt, die Erfüllung von Wünschen (Auto, Eigenheim, Audio/Video etc. pp.) gab es für die arbeitende Bevölkerung nicht mehr wie zu Elterns Zeiten aus dem Sparguthaben, sondern letztendlich nur noch auf Kredit, mit einer Vertagung des Zahlungsversprechens.
Dies rächt sich nun doppelt: Zum einen können viele diese Kredite gar nicht oder nicht mehr in voller Höhe zurückbezahlen, zum anderen sind die privaten Geldvermögen der Reichen so gigantisch gewachsen, dass auch die Zahlungsforderungen für Zinsen an die Banken immer größer werden.
Griechland zum Frühstück, Lettland zum Nachtisch Betrachtet man allein die oben genannten 11 Billionen Dollar Geldvermögen der Superreichen in den Steuer„paradiesen“ (die globalen privaten Geldvermögen sind noch viel größer) und unterlegt einen Zinssatz von nur 3 %/a, dann entsteht daraus innerhalb eines Jahres eine Zinslast für die Banken in Höhe von insgesamt 330 Milliarden (!) Dollar. Zum Vergleich: die gesamte Wirtschaftsleistung Griechenlands (Bruttoinlandsprodukt) beträgt rund 314 Milliarden US-$. Kein Wunder also, dass das die Banken nicht mehr alleine stemmen können. Und das ganze geht munter weiter, der Zinseszinseffekt führt dazu, dass ein Jahr später weitere 340 Milliarden an Zins und Zinseszins hinzukommen. Noch mal Griechenland und noch Lettland (27 Milliarden US-$) dazu. Wie ein schwarzes Loch sorgt die immer größer werdende Zinslast und der Ausfall der Kreditrückzahlungen dafür, dass immer mehr Geld in die Banken gepumpt werden muss, damit sie nicht zahlungsunfähig werden. Denn:
„
(…) Kann die Bank keine Guthabenzinsen mehr zahlen und damit ihren Zahlungsverpflichtungen gegenüber ihren Anlegern nachkommen – (ist) das Spiel (…) aus, Game over, die Bank ist pleite. Und je größer die Bank – genauer: je größer die Bilanzsumme der Bank – ist, umso größer ist das Risiko des Zusammenbruchs (die Deutsche Bank hat übrigens eine Bilanzsumme von über 2 Billionen Euro – so hoch wie das gesamte deutsche Bruttoinlandsprodukt!). (…) Das, was wir bisher gesehen haben, war nur ein kleines Vorgeplänkel“ [2]
Momentan ist aber anzunehmen, dass trotz dieser staatlichen Maßnahmen den Reichen und Superreichen das Vertrauen in „ihre“ Banken verloren geht. Immer wieder gehen Meldungen durch die Presse, dass große Geldvolumen von den Banken abgehoben werden. Zu große Geldvolumina, als dass es besorgte Kleinanleger und Sparer hätten sein können.

Wie der Grafik zu entnehmen ist, wurden vor allem im 4. Quartal 2008, also als die Krise sich öffentlichkeitswirksam durch den Fall der „Lehman Brothers“ zu manifestieren begann, massiv Geldvermögen bei Banken abgehoben. Allein im Januar 2009 wurden rund 150 Milliarden US-$ abgehoben.
Presseberichten zufolge hatten solche Geldtransfers (bzw. entsprechende Versuche, Geld von Banken abzuziehen), im September 2008 nach dem Fall von Lehman Brothers zum Beinahe-Kollaps des globalen Finanzsystems geführt [3]. Ähnliche Meldungen gibt es aus Großbritannien, wo das Finanzsystem nach Medienberichten aufgrund massiver Kapitalflucht aus den Banken im Oktober 2008 nur 3 Stunden vom Zusammenbruch entfernt war. [4]
Doch wohin geht dieses Geld?
Sehr wahrscheinlich zu großen Teilen in Staatsanleihen, die derzeit (noch!) als einzig sicherer Hafen für Geldvermögen gelten. Die Bundesrepublik Deutschland (und mit ihr alle anderen, von der Finanzkrise betroffenen Staaten) geben zur Zeit massiv Staatsanleihen aus, mit denen die Rettungsmaßnahmen für die Banken und einige Großkonzerne (Opel, Schaeffler etc.) sowie die Konjunkturprogramme finanziert werden sollen. Das heißt nichts anderes, als dass sich der Staat Geld leiht, diese Leihgabe wie bei einer Bank verzinst wird und der Staat für die Rückzahlung als „sicherer Bürge“ eintritt. Wer zahlt im Zweifel also zurück? Richtig: der Steuerzahler, somit jeder Bürger.
Ein Großteil der Staatsanleihen wird durch Private, also eben wieder jene Superreichen aufgekauft; der Anonymität wegen über zwischengeschaltete „Clearinggesellschaften“. Das ganze ist recht plastisch in einem sehr lesenswerten Artikel von Paul Schreyer [5] dargestellt. Er kommt zu dem Schluss: „
Für den Bund rechnet sich das Ganze langfristig kaum. Von 1980 bis 2000 betrug beispielsweise die staatliche Kreditaufnahme 752 Milliarden Euro, die Zinszahlungen für diese Kredite beliefen sich im gleichen Zeitraum jedoch auf 903 Milliarden. Warum, so kann man fragen, wird dann weiterhin ständig der Weg über neue Schulden gewählt? Eine Alternative wäre bekanntermaßen, die Wohlhabenden und Superreichen stärker zu besteuern – statt das gleiche Geld teuer von ihnen zu leihen.“
Lange Rede, kurzer Sinn Um es kurz zusammenzufassen. Wir haben also folgende Situation: Das Geldvermögen der großen Kapitalbesitzer ist dadurch, dass sie der Masse der Bevölkerung eine gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Reichtum verweigern in den letzten Jahren massiv zu Lasten der unteren Einkommen gestiegen. Da Produktionsanlagen aufgrund zunehmender Automatisierung und stetig erforderlicher Innovationsanforderungen nicht mehr genug Profite erwirtschaften, hat sich der Finanzmarkt verstärkt von der Realwirtschaft entkoppelt, das heißt, das Geld wird zunehmend auf dem Finanzmarkt vermehrt und nicht mehr investiert. Diese fiktiven Geldsummen sind nur noch unzureichend durch Wirtschaftsleistung gedeckt, in der die allein wertschaffende menschliche Arbeitskraft nur noch eine untergeordnete Rolle spielt.
Daher MUSS notwendigerweise eine Entwertung dieses „Luftschlosses“ aus digitalen Kontoständen und Papiergeld erfolgen. Bisher konnte allenfalls noch der Schein eines Werts aufrecht erhalten werden, wie die Hülle eines Heißluftballons Größe vortäuscht, aber doch nur heiße Luft enthält. Aufgrund von Zins und Zinseszins werden die Zahlungsforderungen an die Banken durch die hohen Geldvermögen zudem immer größer, so dass letztendlich die Staaten einspringen müssen, die Banken zu retten, um deren notwendige Zahlungsversprechen aufrecht zu erhalten. Dieses Geld wird dem Staat über den Kauf von Staatsanleihen von den Reichen zur Verfügung gestellt, wiederum Geld vermehrend verzinst und von den Bürgern über Arbeitsleistung und Steuerzahlungen langfristig eingetrieben. So lief es zumindest bisher. Ob dieses Schema angesichts der Blasengröße weiter verfolgt werden kann, ist zumindest fraglich.
Mit anderen Worten: die Superreichen haben alles dazu beigetragen, dass es zu dieser Krise kommt. Sie tun nichts – und können in ihrer Logik nichts tun – um die Krise zu beenden. Im Gegenteil: Sie gewinnen doppelt: Zuerst durch die Aneignung des Mehrwerts im Produktionsprozess, danach durch die Zahlungen der Bürger, die ihnen ihre Zinserträge sichern sollen.
Doch noch ist das nicht ausgemacht, ein zweifelsfreies „Happy End“ ist für niemanden in Sicht. Die Gefahr, dass angesichts der riesigen Geldbeträge und Zahlungsforderungen auch Staaten bankrott gehen, ist durchaus real. Immer mehr Staaten, zum Beispiel aus Osteuropa, müssen durch Kredite des internationalen Währungsfonds (IWF) gestützt werden, doch auch dessen Mittel sind begrenzt.
Schon werden Forderungen laut, dass die wirtschaftlich stärkeren Mitglieder der EU wie Deutschland oder Frankreich die schwächeren Mitgliedsstaaten finanziell auffangen müssten. Wahrscheinlich wird am Ende nichts anderes übrig bleiben, um den Euro-Raum zu retten, doch dies könnte zum Fass ohne Boden werden, das auch die wirtschaftlich stärkeren Länder in den Ruin stürzt. Und wenn der Staat dann erstmal Renten und Pensionen zusammenkürzt und Lebensversicherungen beschlagnahmt, dann dürfte es wohl mit der Ruhe vorbei sein. Schöner Leben ist dann vorbei – auch für die, die es bisher am bequemsten hatten.
Thomas Müntzer, www.puk.de, 09. März 2009 Teil 2 folgt in Kürze:
Perspektiven zur Überwindung der Krise und für den Aufbau einer neuen Wirtschaftsordnung Quellen: (1)
http://www.pdwb.de/w_dewach.htm(2) Andreas Czerny, z. B. hier:
http://www.puk.de/index.php/de/wirtschaft/979-alexander-czerny.html(3)
http://www.mmnews.de/index.php/200902102219/MM-News/Kurz-vor-Kollaps.html(4)
http://www.dailymail.co.uk/news/article-1127278/Revealed-Day-banks-just-hours-collapse.html(5)
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/29/29781/1.html