Wer trägt Widerstand gegen die Irak-Besatzer?:
Ich bin ein Palästinenser aus Hebron und Mitglied der linken Volksfront zur Befreiung Palästinas. Für mich war es selbstverständlich, nach Bagdad zu gehen, weil der Krieg der USA nicht nur gegen den Irak gerichtet war, sondern gegen die Völker der ganzen Region. Die Fedajin waren Freiwillige aus allen arabischen Ländern, die überall in Bagdad Stellungen bezogen hatten. Die Fedajin sind einige zehntausend militärisch ausgebildete Kämpfer, die sich nun auch im Widerstand gegen die Besatzungstruppen bemerkbar machen.
F: Woraus erklären Sie sich den Zusammenbruch der irakischen Armee vor der Schlacht um Bagdad?
Ich kann dies nur mit dem Verrat der irakischen Generalität erklären. Der Kommandant der Republikanischen Garden hat sich am 3. April in der Nähe der jordanischen Grenze mit den Amerikanern getroffen und über die Kapitulation verhandelt. Ab dem 4. April gab es keinerlei Kampfhandlungen der irakischen Armee mehr. Mittels Täuschungsmanövern war es den Verrätern gelungen, die ganze Armee kampfunfähig zu machen. Einheiten wurde befohlen, ihre Stellungen aufzugeben, unter dem Hinweis, daß andere Einheiten ihren Platz einnehmen würden. So kam es zu einer allgemeinen Demobilisierung, ohne daß das sofort aufgefallen wäre. Als wir eines Tages in unserem Lager aufwachten, waren die Soldaten weg und wir völlig allein. Die irakische Armee war wie vom Erdboden verschluckt. Wir standen dann natürlich auf verlorenem Posten. Das ist ziemlich einmalig in der Kriegsgeschichte.
F: Welchem Kommando unterstanden die arabischen Fedajin?
Dem der irakischen Armee. Wir wurden auf verschiedene Armeeeinheiten aufgeteilt. Als die Armee kollabierte bildeten wir unser eigenes Kommando.
F: Was geschah nach dem Fall von Bagdad?
Ich und drei meiner Freunde wurden am 13. April in einer Wohnung in Bagdad von den Amerikanern gefangengenommen. Wir wurden ins Bagdader Zentralgefängnis gebracht. Die Bedingungen dort sprachen allen humanitären Normen Hohn. Wir wurden noch schlechter als Tiere behandelt, sie gaben uns kaum zu essen und zu trinken, die Notdurft mußte über offenen Latrinen verrichtet werden. In der Nacht konnten wir aus Angst vor Skorpionen und Reptilien, die es dort in großer Anzahl gibt, kaum schlafen. Später sind wir in ein Lager am Imman-Ali-Flughafen in der Nähe von Nasirija gekommen. Wir wurden in Zelten untergebracht. Während drei Tagen und zwei Nächten bekamen wir fast nichts zu essen und zu trinken. Auch Medikamente wurden kaum verabreicht. Unsere letzte Station war Umm Kasr. In der ersten Nacht lagen wir ohne irgendeinen Schutz im Sand. Danach wurden wir in drei Zelten untergebracht – in unglaublicher Enge. Dagegen mutete die Unterkunft in der dritten Nacht fast schon wie Luxus an. 15 bis 20 Gefangene in einem Zelt.
F: Wie verliefen die Vernehmungen?
Sie widersprachen allen Rechtsgrundsätzen. Wir wurden als Zivilisten – das Gegenteil hätten sie erst beweisen müssen – vor Militärtribunale gestellt, was nach dem Kriegsrecht nicht erlaubt ist. Auch formal war dieses Tribunal ein Hohn. Die Richter aßen Chips und tranken Coca Cola und urteilten nach reinem Gutdünken, ohne irgendwelche Unterlagen zur Hand zu haben. Mit Gefangenen, die oft nur arabisch sprachen, wurde englisch gesprochen. So wußten sie nicht, wie ihnen geschah und wessen sie angeklagt wurden. Die Anklage lautete meistens, »eine kriegerische Handlung begangen zu haben« – ein sehr weit gefaßter, nicht näher spezifizierter Vorwurf. Der Ausgang einer solchen Verhandlung war völlig abhängig von der Stimmung des Militärrichters. Ich selbst wurde Ende Mai freigelassen.
F: Wissen Sie etwas über das Schicksal der im Lager Verbliebenen?
Man erfährt nichts. Die Amerikaner haben eine totale Informationssperre über die Lager verhängt. Die Lager sind meist weit abseits von Siedlungen gelegen, oft in der Wüste. Weder die Zahl der Lager noch die Zahl ihrer Insassen ist bekannt. Worüber ich berichtet habe, sollte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Alles, was dort passiert, geschieht im rechtsfreien Raum. Als Kriegsgefangene hätten die Inhaftierten nach Beendigung der offiziellen Kriegshandlungen am 1. Mai freigelassen werden müssen. Aber es werden laufend neue Gefangene eingeliefert. Wenn sie keine Kriegsgefangenen sind, müßte ihnen der Prozeß gemacht werden. Nichts von dem passiert. Den Inhaftierten wird jeglicher Rechtsstatus abgesprochen. Man sollte einen Aktionstag ausrufen, an dem auf der ganzen Welt für die Freilassung der irakischen Gefangenen demonstriert wird.
F: Zur gegenwärtigen Situation: Gibt es im irakischen Widerstand auch explizit linke Tendenzen?
Es gibt sie, auch wenn sie sich erst formieren. Ihnen sollte unsere spezielle Aufmerksamkeit und Solidarität gelten. Die irakische Kommunistische Partei in ihrer offiziellen Gestalt sitzt im Übergangsrat, weshalb wir sie als Feind betrachten. Es gibt aber eine starke Tendenz an der Basis, die sich gegen die Kollaboration ausgesprochen hat und den bewaffneten Widerstand unterstützt. Sie könnten zu unseren wichtigsten Ansprechpartnern werden. Es gibt baathistische bewaffnete Gruppen, einige sind loyal zu Saddam Hussein, andere sind es nicht. Es gibt natürlich auch Islamisten. Ungefähr die Hälfte der bewaffneten Kämpfer sind arabische Fedajin.
F: Gibt es eine kommunistische Organisation im Irak, die sich am Widerstand beteiligt oder sich zumindest zum Widerstand bekennt?
Es gibt die Irakische Kommunistische Partei (Kader), die zum bewaffneten Kampf gegen die USA, den Übergangsrat und auch die offizielle kommunistische Partei aufgerufen hat.
F: Nach dem Attentat auf Ajatollah el Hakim, dem geistlichen Oberhaupt der Schiiten, besteht die Gefahr eines Bürgerkrieges zwischen Sunniten und Schiiten. Könnte man deshalb davon ausgehen, daß dieser Anschlag von der CIA geplant wurde?
Das glaube ich nicht. Hakim gehörte dem Übergangsrat an. Er rief zum friedlichen Widerstand auf. Aber wie soll unter Bedingungen der amerikanischen Besatzung friedlicher Widerstand möglich sein? Ich glaube nicht, daß die USA ein Interesse daran hatten, el Hakim umzubringen, denn der hat ihren Job erledigt, indem er keinen Widerstand der Schiiten gegen die Besatzer aufkommen ließ. Er wurde von den Widerstandskräften getötet. Damit sollte klargestellt werden, daß jeder, der im Übergangsrat sitzt, ein mögliches Ziel der Angriffe ist.
F: Aber eine Einladung an die Schiiten, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen, kann diese mörderische Attacke doch nicht gewesen sein?
Das Problem mit den Schiiten ist, daß sie immer auf ihre geistlichen Führer hören. Die Tatsache aber, daß ihr oberster Kleriker getötet worden ist, wird hoffentlich zur Folge haben, daß die künftigen Führer ihre Lehren daraus ziehen und eine andere Position einnehmen werden. Unter den schiitischen Massen herrscht ein durchaus aufständischer Geist, wie die Widerstandsaktionen in Basra beweisen.
Abed Mohammad Assad ist ein arabischer Fedajin aus Palästina, der an der Verteidigung Bagdads teilgenommen hat. Die Tageszeitung junge Welt sprach mit ihm
F: Was hat Sie dazu bewogen, an der Verteidigung des Irak gegen die US-Aggression teilzunehmen?Ich bin ein Palästinenser aus Hebron und Mitglied der linken Volksfront zur Befreiung Palästinas. Für mich war es selbstverständlich, nach Bagdad zu gehen, weil der Krieg der USA nicht nur gegen den Irak gerichtet war, sondern gegen die Völker der ganzen Region. Die Fedajin waren Freiwillige aus allen arabischen Ländern, die überall in Bagdad Stellungen bezogen hatten. Die Fedajin sind einige zehntausend militärisch ausgebildete Kämpfer, die sich nun auch im Widerstand gegen die Besatzungstruppen bemerkbar machen.
F: Woraus erklären Sie sich den Zusammenbruch der irakischen Armee vor der Schlacht um Bagdad?
Ich kann dies nur mit dem Verrat der irakischen Generalität erklären. Der Kommandant der Republikanischen Garden hat sich am 3. April in der Nähe der jordanischen Grenze mit den Amerikanern getroffen und über die Kapitulation verhandelt. Ab dem 4. April gab es keinerlei Kampfhandlungen der irakischen Armee mehr. Mittels Täuschungsmanövern war es den Verrätern gelungen, die ganze Armee kampfunfähig zu machen. Einheiten wurde befohlen, ihre Stellungen aufzugeben, unter dem Hinweis, daß andere Einheiten ihren Platz einnehmen würden. So kam es zu einer allgemeinen Demobilisierung, ohne daß das sofort aufgefallen wäre. Als wir eines Tages in unserem Lager aufwachten, waren die Soldaten weg und wir völlig allein. Die irakische Armee war wie vom Erdboden verschluckt. Wir standen dann natürlich auf verlorenem Posten. Das ist ziemlich einmalig in der Kriegsgeschichte.
F: Welchem Kommando unterstanden die arabischen Fedajin?
Dem der irakischen Armee. Wir wurden auf verschiedene Armeeeinheiten aufgeteilt. Als die Armee kollabierte bildeten wir unser eigenes Kommando.
F: Was geschah nach dem Fall von Bagdad?
Ich und drei meiner Freunde wurden am 13. April in einer Wohnung in Bagdad von den Amerikanern gefangengenommen. Wir wurden ins Bagdader Zentralgefängnis gebracht. Die Bedingungen dort sprachen allen humanitären Normen Hohn. Wir wurden noch schlechter als Tiere behandelt, sie gaben uns kaum zu essen und zu trinken, die Notdurft mußte über offenen Latrinen verrichtet werden. In der Nacht konnten wir aus Angst vor Skorpionen und Reptilien, die es dort in großer Anzahl gibt, kaum schlafen. Später sind wir in ein Lager am Imman-Ali-Flughafen in der Nähe von Nasirija gekommen. Wir wurden in Zelten untergebracht. Während drei Tagen und zwei Nächten bekamen wir fast nichts zu essen und zu trinken. Auch Medikamente wurden kaum verabreicht. Unsere letzte Station war Umm Kasr. In der ersten Nacht lagen wir ohne irgendeinen Schutz im Sand. Danach wurden wir in drei Zelten untergebracht – in unglaublicher Enge. Dagegen mutete die Unterkunft in der dritten Nacht fast schon wie Luxus an. 15 bis 20 Gefangene in einem Zelt.
F: Wie verliefen die Vernehmungen?
Sie widersprachen allen Rechtsgrundsätzen. Wir wurden als Zivilisten – das Gegenteil hätten sie erst beweisen müssen – vor Militärtribunale gestellt, was nach dem Kriegsrecht nicht erlaubt ist. Auch formal war dieses Tribunal ein Hohn. Die Richter aßen Chips und tranken Coca Cola und urteilten nach reinem Gutdünken, ohne irgendwelche Unterlagen zur Hand zu haben. Mit Gefangenen, die oft nur arabisch sprachen, wurde englisch gesprochen. So wußten sie nicht, wie ihnen geschah und wessen sie angeklagt wurden. Die Anklage lautete meistens, »eine kriegerische Handlung begangen zu haben« – ein sehr weit gefaßter, nicht näher spezifizierter Vorwurf. Der Ausgang einer solchen Verhandlung war völlig abhängig von der Stimmung des Militärrichters. Ich selbst wurde Ende Mai freigelassen.
F: Wissen Sie etwas über das Schicksal der im Lager Verbliebenen?
Man erfährt nichts. Die Amerikaner haben eine totale Informationssperre über die Lager verhängt. Die Lager sind meist weit abseits von Siedlungen gelegen, oft in der Wüste. Weder die Zahl der Lager noch die Zahl ihrer Insassen ist bekannt. Worüber ich berichtet habe, sollte einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Alles, was dort passiert, geschieht im rechtsfreien Raum. Als Kriegsgefangene hätten die Inhaftierten nach Beendigung der offiziellen Kriegshandlungen am 1. Mai freigelassen werden müssen. Aber es werden laufend neue Gefangene eingeliefert. Wenn sie keine Kriegsgefangenen sind, müßte ihnen der Prozeß gemacht werden. Nichts von dem passiert. Den Inhaftierten wird jeglicher Rechtsstatus abgesprochen. Man sollte einen Aktionstag ausrufen, an dem auf der ganzen Welt für die Freilassung der irakischen Gefangenen demonstriert wird.
F: Zur gegenwärtigen Situation: Gibt es im irakischen Widerstand auch explizit linke Tendenzen?
Es gibt sie, auch wenn sie sich erst formieren. Ihnen sollte unsere spezielle Aufmerksamkeit und Solidarität gelten. Die irakische Kommunistische Partei in ihrer offiziellen Gestalt sitzt im Übergangsrat, weshalb wir sie als Feind betrachten. Es gibt aber eine starke Tendenz an der Basis, die sich gegen die Kollaboration ausgesprochen hat und den bewaffneten Widerstand unterstützt. Sie könnten zu unseren wichtigsten Ansprechpartnern werden. Es gibt baathistische bewaffnete Gruppen, einige sind loyal zu Saddam Hussein, andere sind es nicht. Es gibt natürlich auch Islamisten. Ungefähr die Hälfte der bewaffneten Kämpfer sind arabische Fedajin.
F: Gibt es eine kommunistische Organisation im Irak, die sich am Widerstand beteiligt oder sich zumindest zum Widerstand bekennt?
Es gibt die Irakische Kommunistische Partei (Kader), die zum bewaffneten Kampf gegen die USA, den Übergangsrat und auch die offizielle kommunistische Partei aufgerufen hat.
F: Nach dem Attentat auf Ajatollah el Hakim, dem geistlichen Oberhaupt der Schiiten, besteht die Gefahr eines Bürgerkrieges zwischen Sunniten und Schiiten. Könnte man deshalb davon ausgehen, daß dieser Anschlag von der CIA geplant wurde?
Das glaube ich nicht. Hakim gehörte dem Übergangsrat an. Er rief zum friedlichen Widerstand auf. Aber wie soll unter Bedingungen der amerikanischen Besatzung friedlicher Widerstand möglich sein? Ich glaube nicht, daß die USA ein Interesse daran hatten, el Hakim umzubringen, denn der hat ihren Job erledigt, indem er keinen Widerstand der Schiiten gegen die Besatzer aufkommen ließ. Er wurde von den Widerstandskräften getötet. Damit sollte klargestellt werden, daß jeder, der im Übergangsrat sitzt, ein mögliches Ziel der Angriffe ist.
F: Aber eine Einladung an die Schiiten, sich dem bewaffneten Kampf anzuschließen, kann diese mörderische Attacke doch nicht gewesen sein?
Das Problem mit den Schiiten ist, daß sie immer auf ihre geistlichen Führer hören. Die Tatsache aber, daß ihr oberster Kleriker getötet worden ist, wird hoffentlich zur Folge haben, daß die künftigen Führer ihre Lehren daraus ziehen und eine andere Position einnehmen werden. Unter den schiitischen Massen herrscht ein durchaus aufständischer Geist, wie die Widerstandsaktionen in Basra beweisen.
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