Mit WARP-Antrieb in die nachkapitalistische Gesellschaft

Vom 14. bis 29. Mai 2012 fand in Mexico City der Kongress „State, Market and Human Development in the 21st Century“ statt. Ausgerichtet wurde die Veranstaltung, bestehend aus vielen verschiedenen Einzelevents, Teilkonferenzen und Arbeitsgruppen als Gemeinschaftsprojekt, u.a. von der „Universidad Autónoma Metropolitana“ (UAM Mexico City), dem Institut für Wissenschaft und Technologie (ICyTDF) der Stadtregierung Mexico City und der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften (CASS).

Konferenzen gibt es viele auf der Welt, und an sich ist die Tatsache einer solchen Konferenz kaum berichtenswert, ließe nicht der Kreis der Teilnehmer und die behandelten Themen aufhorchen. So war eigens eine rund 20-köpfige, hochrangige Delegation von verschiedenen chinesischen Universitäten unter Leitung von Dr. Cheng Enfu, Generaldirektor des Zentrums für Wirtschaft und soziale Entwicklung der CASS und Mitglied des chinesischen Volkskongresses, nach Mexico-City angereist, und die hatte einiges im Gepäck. In einem einwöchigen Kurs wurde von Prof. Liu Zixu (CASS) den vorwiegend mexikanischen Teilnehmern der UAM ein Einführungskurs in die chinesische Kultur gegeben. Am 5. Juni schloss daran der Beginn eines einjährigen Kurses „Chinesische Kultur und Sprache (Mandarin)“ an, der Studenten und wissenschaftliche Mitarbeiter der UAM auf Austauschprogramme mit chinesischen Universitäten vorbereiten soll. Nur konsequent also, dass während der Konferenz vom Präsidenten der mexikanischen UAM, Dr. Enrique Fernandez Fassnacht, Kooperationsabkommen mit 17 chinesischen Universitäten unterzeichnet wurden – die ersten Kooperationsabkommen mexikanischer Universitäten mit China überhaupt, was seitens der Beteiligten als großer Erfolg hervorgehoben wurde. Das starke Engagement des chinesischen wissenschaftlichen Staatsbetriebs im Hinterhof der USA ist an sich schon bemerkenswert, es gab aber weitere Gründe für die Anwesenheit der chinesischen Delegation: die gemeinsame Suche nach Auswegen aus der kapitalistischen Weltkrise, für die auch das starke China international Verbündete benötigt.

 

Diese Diskussionen fanden während der Tagung des „World Advanced Research Projects“ (WARP) vom 23. – 24. Mai mit einem ausgewählten Teilnehmerkreis aus Europa, China und Lateinamerika statt. In seinem Grußwort an den Kongress hob der Präsident der UAM, Fernandez Fassnacht hervor: „(…) Es ist offensichtlich, dass der Neoliberalismus mit seinen Formen und Vorschlägen, wie andere Doktrinen und Ideologien vor ihm, erschöpft ist und eine globale Krise produziert hat, deren Ende durch neue Forschungsparadigmen und die neuen Wissenschaften für den Übergang (Transition Sciences) erreicht werden kann. (…)“

Zu den Lieferanten von Beiträgen gehörten daher folgerichtig nicht nur – wie für einen sozialwissenschaftlichen Kongress zu erwarten gewesen wäre – Ökonomen und Sozialwissenschaftler wie Heinz Dieterich oder Cheng Enfu, sondern z.B. auch der Mathematiker José Antonio de la Peña, die Computerwissenschaftler Paul Cockshott und Michel Bauwens sowie der italienisch-spanische Jugendbuchautor und Marxist Carlo Frabetti. Wie auch insgesamt die Teilnehmer genauso heterogen waren wie ihre Herkunftsländer und Betätigungsfelder. Neben Akademikern waren Aktivisten von Attac und Occupy genauso vertreten wie Umweltschützer und Ex-Guerilleros aus Lateinamerika und Netzaktivisten aus Deutschland, Spanien und Venezuela. Die Teilnehmenden einte die gemeinsame Überzeugung, dass eine andere, nicht-kapitalistische Gesellschaft nicht nur möglich, sondern zwingend notwendig ist, um den Fortbestand der Menschheit in einer ökologisch nachhaltigen, gerecht gestalteten und friedlichen Welt zu ermöglichen.

Dass dies nicht bloße Wunschträume sein müssen, sondern bereits konkrete Vorstellungen und Konzepte auf einem festen Fundament wissenschaftlicher Erkenntnisse existieren, machten Heinz Dieterich und der kubanische Physiker Raimundo Franco in ihrem Vortrag „Die wissenschaftlich-philosophischen Grundlagen des Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ deutlich. Erste Grundzüge eines neuen Sozialismus des 21. Jahrhunderts wurden bereits auf einer Konferenz in Göttingen im Jahr 2000 skizziert. Seitdem ist die Zeit nicht stehen geblieben, es wurden mehrere Bücher und u.a. auch ein „Ökonomisches Übergangsprogramm zum demokratischen Sozialismus des 21. Jahrhunderts in der EU“ veröffentlicht.

Dieterich und Franco sehen das Ende der bürgerlichen kapitalistischen Gesellschaft zum Greifen nahe und begründen dies anhand gesellschaftswissenschaftlicher Untersuchungen zum Lebenszyklus politischer Systeme. Die Ablösung eines politischen Systems durch eine neues ist u.a. dann möglich, wenn Institutionen des Systems, z.B. politische Parteien, Verwaltungsapparate und staatstragende Medien, dysfunktional geworden sind und ihre integrative Wirkung verlieren. Gleichzeitig bedarf es aber Alternativen, die bereits zu einem gewissen Grad entwickelt sind und parallel im alten System existieren und wachsen. Zu nennen sind hier z.B. unabhängige Online-Medien und soziale Netzwerke, das erstarkte Verlangen der Bevölkerung nach tatsächlicher demokratischer Teilhabe und alternative ökonomische Ansätze wie z.B. Zeitbanken und Tauschringe, wie sie z.B. derzeit in Griechenland wie Pilze aus dem Boden schießen.

Laut Dieterich und Franco sind die wesentlichen Strukturelemente einer nachkapitalistischen Gesellschaft heute bereits entwickelt und verfügbar. Auf politischer Ebene ist dies die direkte, partizipative Demokratie, die mittelfristig die repräsentative Parteiendemokratie ersetzen wird. Auf wirtschaftlicher Ebene wird die kapitalistische Marktwirtschaft zu ersetzen sein durch eine demokratisch geplante Äquivalenzökonomie, basierend auf dem gleichwertigen (äquivalenten) Austausch der in Waren und Dienstleistungen enthaltenen Arbeitszeitwerte, gemessen in Stunden und Minuten menschlicher Arbeit. Auf dieser Basis ist ein gerechter Austausch möglich, der keinen Raum lässt für Ausbeutung der menschlichen Arbeitskraft, wenn jedem Menschen das verfassungsmäßige Recht anerkannt wird, den vollen Gegenwert seiner eingesetzten Arbeitskraft zu erhalten und Stunde gegen Stunde zu tauschen. Beide Paradigmen, partizipative, teilhabende Demokratie und Äquivalenzökonomie, seien inzwischen realisierbar, z.B. liegen für die Bundesrepublik Deutschland umfangreiche statistische Grundlagen und Berechnungen vor, die die Einführung einer Halbtagsgesellschaft unter voller Einbeziehung bisher unentlohnter Reproduktionsarbeit (Kindererziehung, Pflege, Hausarbeit…) auf Äquivalenzbasis ermöglichen.

Die beiden wesentlichen Elemente für die Etablierung einer nach-kapitalistischen Gesellschaft, teilhabende Demokratie und Äquivalenzwirtschaft, wurden von allen WARP-Teilnehmern als verbindendes und konstruktives Element des weiteren Projekts angesehen. Dies zeigte sich auch im späteren Verlauf in der Diskussion mit den chinesischen Teilnehmern.

Während des Fortgangs der WARP-Tagung hob der mexikanische Neuro-Mediziner und Politologe Alfredo Jalife-Rahme vor der chinesischen Delegation hervor, dass die USA in 2011 eine strategische Wende ihrer Außenpolitik vollzogen haben. Der Fokus der USA entfernt sich weg von den bekannten Schauplätzen Afghanistan und Irak und orientiert sich seitdem militärstrategisch in den asiatisch-pazifischen Raum, mit einer klaren Umzingelungsstrategie gegenüber China. Dazu zählt die zunehmende Verlagerung der US-Flotte in diesen Raum genauso wie die Suche nach einer Allianz mit Indien und Burma, aber auch das gezielte Schüren von ethnischen Konflikten in den Grenzregionen Chinas, u.a. zu Afghanistan. Jalife-Rahme wies darauf hin, dass die Wirtschaftsleistung Chinas spätestens in 3 Jahren die der USA übertreffen und China die USA auf der Weltrangliste der wirtschaftlich stärksten Nationen von Platz 1 ablösen wird. Dieser psychologische Effekt sei nicht zu unterschätzen und würde an der US-amerikanischen Heimatfront für beträchtliche Unruhe sorgen. Auch aus diesem Grund sei eine verschärftere Gangart gegenüber China aus Sicht der US-Administration notwendig. Jalife-Rahme schließt in diesem Zusammenhang nicht aus, dass sich die Konfliktlinien hin zu großen militärischen Konflikten ausweiten können. Der Aufbau eines amerikanischen Raketenschildes in Osteuropa, den Russland als Bedrohung seiner Sicherheit sieht und für den Fall einer Stationierung bereits präventive Militärschläge angedroht hat, soll durch den Aufbau eines ähnlichen Systems in der Golfregion ergänzt werden. Beide Systeme sieht Jalife-Rahme auch gegen China gerichtet, um die atomare Erstschlagsfähigkeit der USA gegenüber China zu erhalten.

Die chinesischen Teilnehmer nahmen diese Botschaften wohl zur Kenntnis. In seinem Beitrag über die sieben wesentlichen politisch-sozialen Denkrichtungen im gegenwärtigen China brachte Dr. Cheng Enfu zum Ausdruck, dass aufgrund der wachsende Konflikte und Konkurrenz ein strikt neoliberal ausgerichtetes China nicht im Interesse der USA sein könne, obwohl diese Denkrichtung dem amerikanischen Wirtschaftsmodell am nächsten käme und für eine völlige kapitalistischen Umstrukturierung des Landes stünde. Die Neoliberalen in China seien eine personell eher schwache Gruppe, die aber über starken wachsenden Einfluss verfügte. Neben sozialdemokratischen, marktorientierten Strömungen nannte Cheng Enfu noch die Gruppe der „Revivalisten“, die sich an den alten kulturellen Werten, Weisheiten und Dynastien orientieren und sehr rückwärtsgewandt wären, ähnlich wie Monarchisten in westlichen Demokratien. Die Linke wiederum setzt sich ebenfalls aus verschiedenen Strömungen zusammen, von neuen Linken über eklektische und klassische Marxisten, die teilweise der Kulturrevolution unkritisch gegenüberstehen, bis hin zu den innovativen Marxisten, denen sich auch Cheng Enfu zurechnet. Die innovativen Marxisten sehen die Zukunft Chinas weiterhin unter der Führung der kommunistischen Partei (KPC) als Vertretung des Volkswillens, wollen aber die Bedeutung des Volkskongresses stärken und Elemente partizipativer Demokratie insbesondere an der Basis einführen, was ein Novum im zentralistisch ausgerichteten China wäre. Auf ökonomischer Ebene stehen die innovativen Marxisten für staatliches Eigentum der wesentlichen produktiven Wirtschaftsbereiche sowie der Versorgung, und für genossenschaftliche Strukturen, ergänzt um einen parallel zu entwickelnden privatwirtschaftlichen Sektor. Kulturell soll ein Sozialismus mit chinesischer Charakteristik auf der Basis des Marxismus und seinem historischen sozialen Anspruch der Gerechtigkeit, ohne Ausbeutung des Menschen durch den Menschen, China leiten. Dr. Cheng Enfu brachte zum Ausdruck, dass entscheidend für die Zukunft Chinas (und der Welt) sei, welche der aufgeführten Denkrichtungen sich durchsetzen werde und warb um die Unterstützung des innovativen Marxismus. Die Nähe zu den von Dieterich und Franco vorgestellten Konzepten war dabei evident.

Mit diesen und anderen Eindrücken der Konferenz im Kopf diskutierten die Teilnehmer noch im Hotel bis in die Nacht. Wie groß ist die Gefahr einer Konfrontation USA–China? Wie ist die Zukunft der Euro-Zone, welche Rolle kann China geopolitisch einnehmen? Besteht die Möglichkeit eines Militärputsches in Griechenland nach der nächsten Wahl, oder ist das im „zivilisierten“ Europa des 21. Jahrhunderts undenkbar?

Dass das bis gestern scheinbar noch Undenkbare Gegenstand kontroverser Diskussionen ist zeigt, dass die Welt in eine chaotische Phase des Übergangs eingetreten ist, in der Entwicklungsrichtungen nur schwer vorhergesagt werden können, ähnlich wie beim Phasenübergang in einer erhitzen Flüssigkeit, bei dem auch Druck und Temperatur dafür entscheidend sind, ob Wasser flüssig bleibt oder gasförmig wird. Wer hätte vor zwei Jahren an den „arabischen Frühling“ gedacht, wer an die weltweite Occupy-Bewegung? Niemand kann mit Sicherheit vorhersagen, was sich in Griechenland ereignen wird, wenn z.B. das linke Syriza-Bündnis die Wahlen gewinnt und wie angekündigt den Schuldendienst einstellt.

Einig waren sich die WARP-Teilnehmer am Abend aber darin, selbst aktiv zu werden und nicht zu warten. Ein konkretes Ergebnis war, dass gemeinsam mit linken griechischen Wirtschaftswissenschaftlern ökonometrische Simulationen der Wirtschaftslage Griechenlands erfolgen sollen, um Handlungsoptionen für eine linke Regierung in Griechenland auszuloten. Entsprechende Modelle für die Bundesrepublik wurden auf dem WARP-Kongress vorgestellt und können kurzfristig angepasst werden, eine entsprechende AG wurde gegründet und machte sich ans Werk.

Und am nächsten Morgen am Frühstückstisch wurde bereits eine in der Nacht erstellte Erklärung diskutiert, die als Gründungsdokument des neuen, internationalen WARP-Projekts verabschiedet wurde. In ihrem Aufruf suchen die Teilnehmer international die Unterstützung von weiteren Forschern und Aktivisten, die die grundsätzlichen Prinzipien von WARP teilen und die Welt verändern möchten:

„Im 21. Jahrhundert steht die Menschheit vor großen Herausforderungen. Wir leben in einer Welt, die bedroht ist von immer knapper werdenden natürlichen Ressourcen und einer immer größer werdenden Ausbeutung der Mehrheit der Menschen. Die globale Erwärmung, die Knappheit von lebenswichtigen Gütern und die Realität von Kriegen werden das Leben unserer Kinder bestimmen, wenn der aktuelle Kurs der Zivilisation nicht grundlegend verändert wird. (…) Wir verstehen uns als virtuelle Hochschule von Forschern, die ähnlich einer Open Source Community arbeitet, basierend auf den Werten von Offenheit und freiwilligem Beitrag an Zeit und Wissen zum Wohle der Allgemeinheit. (…) Wir sind der Überzeugung, mit dezentralisierter, arbeitsteiliger Entwicklung und der Zusammenführung von Ressourcen, Intelligenz und Wissen in einem kollektiven Prozess der „Schwarmintelligenz“ diesem Ziel näher kommen zu können, als dies durch einzelne Forscher je möglich sein würde. (…)“

Inzwischen wurde eine deutsche Internetpräsenz sowie ein erstes Arbeitsprogramm erstellt und das WARP-Projekt organisatorisch in das neu gegründete „Center for Transition Sciences“ (CTS) an der Universidad Autónoma Metropolitana (UAM) integriert. Im CTS unter Leitung von Heinz Dieterich soll der interdisziplinäre Geist der Mai-Konferenz von Mexico City institutionalisiert weitergeführt werden, durch das dauerhafte Zusammenspiel unterschiedlichster akademischer Fachdisziplinen aus Geistes- und Naturwissenschaften bei der Suche nach den besseren Möglichkeiten der Welt von morgen. Bereits am 3. – 5. Oktober 2012 soll eine Folgekonferenz unter dem Titel: „New paradigms in science and art in cyberspace“ an der UAM stattfinden.

Carlo Frabetti berichtete nach der Teilnahme an der WARP-Konferenz:

„Ich kam auf diesen Kongress mit einer Menge Fragen im Kopf (in der Tat war der Titel meiner Präsentation „Wissenschaft und Marxismus: Zwölf Fragen und ein Vorschlag“) und ich fand zumindest eine starke Antwort: die Konsolidierung von WARP. (…) Zum ersten Mal in meinem langen und wechselvollen Leben des militanten Antikapitalismus hatte ich das Gefühl, Zeuge der Geburt einer revolutionären Front der klaren wissenschaftlichen Inspiration zu sein, unterstützt durch die modernsten theoretischen und computergestützten Werkzeuge, was einen echten Quantensprung für die unerlässliche und notwendige Konvergenz der Naturwissenschaften und Sozialwissenschaften bedeutet.“

Als nach einem fröhlichen Fest mit mexikanischer Mariachi-Musik und Tequila die internationalen Gäste der Konferenz ihre Flugzeuge bestiegen, einte sie wohl auch das gemeinsame Gefühl, an einem wirklichen avantgardistischen Aufbruch teilgenommen zu haben. Michel Bauwens, der die WARP Arbeitsgruppen zur Rolle neuer Medien in den sozialen Bewegungen und zur Peer-Ökonomie leiten wird, brachte es in einem Kommentar auf der WARP-Internetseite stellvertretend für alle auf den Punkt:

Great to be part of this“.

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