Das absehbare Endergebnis des Finanzialisierungsprozesses

– die Regression des finanzmarktgesteuerten Kapitalismus in eine neue Form des Rentenkapitalismus

Im Mai 2011 beendete ich meinen Beitrag für den IFPÖ-Sammelband „EU am Ende“ und sah für Europa einen Marsch in die Diktatur des Finanzkapitals voraus, wenn sich nicht alle im weitesten Sinne demokratisch orientierten Gegenkräfte europaweit dagegenstemmen.

Für die jüngere Entwicklung in der Eurozone lässt sich nur feststellen, dass dieser Marsch mittlerweile besorgniserregend weit fortgeschritten ist.

  • Der „Europäische Fiskalpakt“ ist in der Phase des Ratifizierungsprozesses und kann am 1. Januar 2013 völkerrechtliche Verbindlichkeit erlangen. Damit werden die nationalen Parlamente den wesentlichen Teil ihrer Budgethoheit an die EU abgegeben haben. Haushaltspläne werden nur noch nach vormaliger Absegnung durch demokratisch nicht legitimierte, mit Vermögensbesitzerinteressen immer enger verbandelten EU-Spitzeninstitutionen (Europäische Kommission und Europäischer Rat) verabschiedet. Das Austeritätspolitik erzwingende Konzept der deutschen „Schuldenbremse“ wird in diesem Fall allen EU-Staaten außer Großbritannien und Tschechien, die dem Fiskalpakt nicht beitreten, auferlegt. Die nationale Handlungsfähigkeit in Konjunktur- und Wachstumskrisen wird so extrem eingeschränkt. Zudem werden alle Länder mit einer Staatschuldenquote von über 60 % verpflichtet sein, jährlich 5 Prozent des der Staatschulden oberhalb des vereinbarten Maximalbetrages abzubauen. Dies bedeutet für Deutschland nach einer Schätzung von Gregor Gysi (DIE LINKE) etwa 25 Mrd. € zusätzliche Haushaltskürzungen jährlich, welche nach Lage der Dinge vor allem die mittleren und unteren Einkommensschichten treffen werden.
  • Der Europäische Stabilitätsfonds ESM wird als eine jeder demokratischen Kontrolle enthobene Institution ausgestaltet, die nach aktueller Lage der Dinge bedrängten Staaten, neuerdings aber auch privaten Banken in Kapitalnöten bei der Refinanzierung unter die Arme greifen soll. Dabei werden ihre Forderungen gleichrangig mit den Forderungen privater Bondbesitzer und der Einleger der Banken behandelt; damit ist bei jedem „Haircut“ der europäische Steuerzahler am privaten Risiko der Vermögensbesitzer mit beteiligt, ohne daß er gefragt würde. Geschäftsführend wird ein „Direktorium“ sein; als legitimatorisches Feigenblatt dient der „Gouverneursrat“, dem die Finanzminister der Eurozone bzw. ihre Stellvertreter angehören.

    Der ESM kann, falls es ihm denn notwendig deucht, von den Einlegerstaaten der Eurozone grundsätzlich beliebig hohe Aufstockungen seines Kapitals einfordern, ohne dass diese eine Einspruchsmöglichkeit hätten. Sie müssen leisten, und zwar binnen kürzester Frist. Auch dies ist mit Haushaltssouveränität unvereinbar, weil im Zweifelsfall zu leistende Ausgaben spontan und extern bestimmt werden können, ohne das der Bundestag oder ein anderes nationales Parlament irgend etwas dagegen machen könnte. Da auf der anderen Seite die „Schuldenbremse“ wirksam ist, werden so u. U. kurzfristige Kürzungen im übrigen Staatshaushalt erzwungen.

  • Abgerundet wird das Bild durch eine Tendenz, gewählte Regierungen auf Druck der „Finanzmärkte“ kurzerhand gleich durch unter dem Rubrum „Expertenregierung“ firmierenden Bankerregierungen zu ersetzen bzw. bei Neuwahlen massiv darauf Einfluss zu nehmen, daß derartige Regierungen ans Ruder der Exekutive kommen, wie in Italien und Griechenland schon geschehen. Die „Banking Community“ sitzt so direkt an der Steuerkasse und kann so sichern, dass den Interessen der Gläubiger in jedem Fall oberste Priorität eingeräumt wird. Überdies wurde mit Mario Draghi ein ehemaliger Vizepräsident von Goldmann Sachs als Chef der Europäischen Zentralbank (EZB) implementiert, der mit Sicherheit Gewähr dafür bieten wird, dass die Geschäftsbanken und letztlich insbesondere die Großrentiers am Zwischenhandel mit Zentralbankgeld und am Geschäft mit Staatsanleihen weiter kräftig verdienen werden.

  • Eine weitere gefährliche Tendenz liegt darin, mit dem Argument der Bekämpfung von Geldwäsche, Steuerhinterziehung und Raubkriminalität die Verwendung von Bargeld in zunehmendem Masse zu beschränken, wie in Italien, Griechenland bereits umgesetzt, mit dem Ziel, „Bargeldkulturen“ zu zerstören. In Schweden wird sogar die Abschaffung von Bargeld überhaupt diskutiert. Nicht vergessen: auch Deutschland hat noch eine relativ ausgeprägte „Bargeldkultur“. Einschränkungen sind vor allem im Interesse der Geschäftsbanken, die für einen gegebenen Kreditbetrag nun weniger Zentralbankgeld vorhalten müssen, so daß sich der Kreditschöpfungsmultiplikator deutlich erhöhen kann. Überdies werden die „elektronischen Spuren“ des Ausgabeverhaltens der Bevölkerung erheblich vermehrt. Im Falle eines Bargeldverbots würden selbst die vertraulichsten Zahlungen zwischen Menschen elektronisch nachvollziehbar und die Privatökonomie jedes einzelnen vollends gläsern.

    Die Geschäftsbanken gewinnen damit schrittweise die absolute informationelle Kontrolle über das ökonomische Verhalten jedes einzelnen Kunden; die Sperrung der Bankaccounts würde zudem ausreichen, um jeden einzelnen Bürger ökonomisch vollständig „auszuknipsen“, ein nicht unerhebliches Drohpotential vor der Kulisse wachsender Repression eines vom Finanzkapital dominierten Staates.      

Das europäische „Finanzmarktparadies“, welches sich bei fehlendem ausreichenden Widerstand in nicht all zu ferner Zukunft vor unseren Augen entfalten könnte, wäre geprägt durch Regierungen, die unmittelbar durch delegierte Banker oder Ex-Banker aus dem Wissenschaftsbereich als Sachwalter der Interessen der großen Vermögensbesitzer dominiert werden. Der Versuch, eine derartige Entwicklung positiv zu verkaufen, würde vermutlich mit der Kernerzählung, es würde sich ja nun endlich um ausgewiesene ökonomische Experten handeln, häufig in ihrer Eingangsreputation unterstützt durch Doktortitel günstigstenfalls amerikanischer Elite(n)universitäten sowie Professorentitel, und nicht mehr um wahlweise korrupte und/oder unfähige Berufspolitiker, unternommen werden. Die Vertreter der Gläubiger des Staates sitzen damit zusätzlich direkt in Personalunion wahlweise als Steuereintreiber, „Gerichtsvollzieher“ und Insolvenzverwalter an der jeweiligen Staatskasse und bedienen natürlich prioritär in jedem Falle die Staatschulden. Sollten nun die (Re-)finanzierungszinsen steigen, warum auch immer – selbstverständlich müssen sich die Staaten in diesem Europa bei den Grossrentiers (re-)finanzieren – Pech für die da unten: Es gilt das Diktat des Fiskalpaktes bzw. die Schuldenbremse, der zinsbedingte Mehraufwand muss dann eben durch Kürzungen öffentlicher Bildungs-, Gesundheits und Sozialleistungen bzw. den Rückgang öffentlicher Investitionen kompensiert werden. Sollte eine „systemrelevante“ Geschäftsbank sich mal wieder verzockt haben: Kein Problem – über den ESM lässt sich relativ geräuschlos europäisches Steuergeld in diese Banken pumpen; sollte das Fass leer sein, wird eben von den beteiligten Staaten frisches Steuergeld in prinzipiell unbegrenzter Höhe nachgefordert – aber subito. Die bestehenden nationalen Haushaltspläne geraten dadurch aus dem Lot, der Grad der Realisierung von Haushaltsplänen wird zur abhängigen Größe der Wettspielverluste der Banken – so what? Wieder gilt die Schuldenbremse: Unerwartete höhere Ausgaben für Bankenrefinanzierungen müssen dann eben durch Kürzungen bei den übrigen staatlichen Aufgaben kompensiert werden. Das Geld der Vermögensbesitzer bleibt auf jeden Fall gesichert.

In einem derartigen „Finanzmarktparadies“ werden nicht nur die Ansprüche der Vermögensbesitzer in jedem Fall erstrangig bedient, es wird ihnen endgültig jedes fundamentale Verlustrisiko genommen. Ist die Bedienung von Einlagen durch Ausfälle auf der Aktivseite, etwa durch die negative Entwicklung von Geschäften mit Finanzderivaten, gefährdert, schießt der Steuerzahler eben nach. Die Großrentiers als dominierender Teil der Bourgeoisie befinden sich so kollektiv in der höchst komfortablen Rolle eines Roulettespielers, dem seine verlorenen Einsätze stets wiedererstattet werden, während er die Gewinne selbstverständlich behalten darf. Dominierend für das Niveau der „sonstigen“ Staatsausgaben wird die Befriedigung aller Ansprüche der Großrentiers nebst dem Ausgleich ihrer „Wettschulden“. Realwirtschaftliche Anforderungen etwa hinsichtlich der materiellen und der Bildungsinfrastruktur sowie weitere gesellschaftliche Bedarfe des Gesundheitswesens und der Lohnersatzleistungen werden dann endgültig nicht mehr gemäß gesellschaftlicher Notwendigkeiten bestimmt werden können, sondern sind limitiert durch das fiskalische Residuum, welches sich aus den Einnahmen abzüglich der Rentiersansprüche ergibt. Das in dieser Welt Steuererhöhungen im Regelfall nur in Form der Erhöhung von regressiv wirkenden Massensteuern vorkommen werden, darf vorausgesetzt werden.

Es zeichnet sich hier m.E. immer deutlicher die Herausbildung eines Gegenmodells zu jenem, welches sich aus der Keynes'schen Erwartung des langfristigen Bedeutungsverlusts der Rentiers als unproduktiver (Teil-) Klasse ergeben könnte. Die konkreten Konturen der Regression des finanzmarktdominierten Kapitalismus in eine neue Form des klassischen Rentenkapitalismus werden immer deutlicher.

Der österreichische Wirtschaftsgeograph Hans Bobeck bezeichnete als Rentenkapitalismus einen vorindustriellen Protokapitalismus, der auf der Ausbeutung von Pächtern durch nicht tätige Grundherren beruhte. Die oft weitab von ihren Gütern lebenden Grundherren waren an der kurzfristigen Erzielung einer maximalen Pacht interessiert, was den an die Scholle gebundenen Pächtern kaum das Lebensnotwendige und erst recht keine Investitionsmittel ließ. Die Pächter konnten mangels verfügbarer Ressourcen also nicht in fortschrittliche Produktionsverfahren investieren; weder hatten sie Zugang zu fortgeschrittener Technik noch hatten sie die Zeit und die Möglichkeit, den Umgang mit ihr zu erlernen. Da zusätzliche Überschüsse im Regelfall sowieso abgeführt werden mussten, bestand seitens der Pächter auch kein eigenes Interesse an der Fortentwicklung der Produktionsmethoden. Die Folge war eine anhaltende wirtschaftliche Stagnation in der Landwirtschaft bzw. eine massive Behinderung der Entwicklung der Produktivkräfte in diesem Sektor.

Soweit es Europa angeht, investierten die intelligenteren Grundherren die Pacht in die aufkommende Industrie und führten so den abgepreßten Mehrwert einer produktiveren Verwendung zu, welche zur Revolutionierung der Produktivkräfte im Frühkapitalismus nicht unerheblich beitrug; andere Grundherren pflegten einen mehr oder minder ausschweifenden Lebenswandel, wovon etwa die Romane etlicher russischer Erzähler zeugen.

Seit dem Ende des von Keynes inspirierten Bretton-Woods-Systems ist international neuerlicher anhaltender Prozess der „Finanzialisation“ bzw die Renaissance des Rentiers zu beobachten. Finanzialisation bedeutete in den letzten Jahrzehnten konkret, dass nicht lediglich der Anteil der Profite am Volkseinkommen insgesamt stieg. Auch das Verhältnis zwischen den Gewinneinkommen der „funktionalen Eigentümer“, ob es sich nun um kleine Waren- und Dienstleistungsproduzenten oder „funktionale (Eigentümer-)Kapitalisten“ handelt, und den Vermögenseinkommen aus Zinsen und Dividenden hat sich zunehmend zugunsten letzterer Einkommen[1] verschoben. Im Gegensatz zu Keynes' „Langfristprognose“[2] ist der Rentier, der „funktionslose Investor“ also bis dato keinesfalls sanft entschlafen, sondern dominiert, vermittelt über die Marktaktivitäten der großen Finanzmarktakteure und ihre politische Lobby, ganz im Gegenteil das ökonomische und politische Geschehen in zunehmendem, mittlereile die parlamentarische Demokratie in ihrem Wesensgehalt gefährdendem Maße. Keynes’ Prognose des langsamen Absterbens des Rentiers, des „funktionslosen Investors“ hat sich leider nicht erfüllt, ganz im Gegenteil: in Europa steht die Durchsetzung der Interessen der Großrentiers vor einem einstweiligen Triumph.

Die geringe Vermögensbesteuerung in Deutschland (niedrige Grund- und Erbschaftssteuern, Wegfall der eigentlichen Vermögenssteuer schon Anfang der 90-er) tat ein übriges, um den Prozess der Finanzialisation in Deutschland voranzubringen. Diese Entwicklung förderte überdies die Macht einer gesellschaftspolitisch zunehmend einflussreicheren Schicht von unproduktiven Großrentiers, von risikoaversen „Rentseekern“, die in hohem Maße „arbeitsloses Einkommen“ beziehen. Der Anteil dieser Einkommen sowohl am Volkaeinkommen als auch an den Profiten steigt.    

Wer immer erwartet hatte, im Gefolge der Finanzkrise 2007/2008 würden die Großeinleger der Finanzinstitutionen auf ihren Verlusten sitzenbleiben, das Privatbankensystem nach seiner Insolvenz vergesellschaftet und seine Tätigkeiten auf die „langweiligen“ Seiten des Bankings, Sicherung des Zahlungsverkehrs und Finanzierung realwirtschaftlicher Investionen, beschränkt werden, hat offensichtlich den Grad der Verquickung zwischen Spitzenpolitik und „Finanzindustrie“ unterschätzt.

Das politische Spitzenpersonal kapitalistischer Länder durchläuft heute einen intensiven informellen „Castingprozess“ seitens des Finanzkapitals. Wer hier nicht die nötige ideologische „Gelenkigkeit“ und Korrumpierbarkeit aufweist, fliegt raus bzw. wird durch die Massenmedien der Reichen „niedergesungen“, falls es doch einmal gelingt, über Parteiwahlen in die Nähe exekutiver Macht zu gelangen. Man denke in Deutschland etwa an Oskar Lafontaine oder Andrea Ypsilanti. Auf jene, die sich im Sinne des Großkapitals „bewährt“ haben, warten hingegen im Regelfall ausgesprochen lukrative „Anschlussverwendungen“.

Dem Finanzkapital, synonym den Großrentiers ist es ganz im Gegenteil mittlerweile das Kunststück gelungen, mit dem Staat ebene jener Institution, die einstweilen große Teile ihres Vermögens und ihrer Zinsansprüche gesichert hat, zum eigentlichen Schuldigen der Finanzkrise zu erklären und ihnen, unterstützt durch willfährige Massenmedien, einen Grad der Selbstfesselung abzunötigen, der jedem Bondage-Künstler der SM-Szene Respekt abnötigen würde.

Angefangen hat dieser Prozess der politischen Selbstfesselung in Deutschland mit der Einführung der sogenannten „Schuldenbremse“, also einer Regel, die künftig reparaturkeynesianisches Gegensteuern wie 2009 extrem erschwert. Dieses Prinzip soll nun über den Fiskalpakt und die enge Konditionierung von ESM und EFSF, gemäß der alten Losung „Am deutschen Wesen soll die Welt genesen“, endgültig allen Euroländern übergestülpt werden. Die nationalen Parlamente geben damit ihre Budgethoheit zu großen Teilen an eine demokratisch nicht legitimierte Gruppe von finanzmarktnahen Eurobürokraten und Bankern, nicht selten mit besten Goldmann-Sachs-Kontakten, ab.  

Mittlerweile übernimmt das Finanzkapital dem politischen Personal auch gerne direkt das Heft aus der Hand, unter dem Rubrum der „Expertenregierung“. Diese Regierungen werden selbstverständlich von Bankern und Mainstreamökonomen, oft in Personalunion, geführt. Sie stellen die Satrapen des Finanzkapitals dar, der Kern von Kompradorenbourgeoisien lateinamerikanischen Musters, die als gutbezahlte „Angestellte“ dafür zu sorgen haben, die „Ansprüche“ der Gläubiger so vollständig wie möglich einzutreiben. Der politische Spielplatz ist geschlossen, hier beginnt die Welt der Erwachsenen.

Es ist ein scheinbar paradoxes Detail, daß eben jene ehemaligen (Ex-)Banker, deren ehemalige direkte „Arbeitgeber“ überaus hilfreich dabei waren und sind, die Steuerlast von „High Networth Individuals“ und erst recht „Super High Networth Individuals“ auf jede erdenkliche Art zu minimieren, nun in Italien und in Griechenland direkt als Steuereintreiber fungieren. Steuern lassen sich natürlich am effizientesten bei jenen eintreiben, die keine wirklichen Ausweichmöglichkeiten haben, also den Beziehern von Masseneinkommen, kleinen Waren-und Dienstleistungsproduzenten und „bodenständigen“ mittelständische Kapitalisten in der Realwirtschaft.

Sitzen die Banken bzw. ihre Statthalter in der Exekutive erst federführend in der Regierung und im Finanzministerium, dann ist der Weg hin zu einer Regression des Kapitalismus hin zu einer neuen Form des Rentenkapitalismus bereitet:

Die Besteuerung und ihre soziale Inzidenz sowie Struktur und Umfang der Staatsausgaben können dann nach Beseitigung jedes faktischen demokratischen Einflusses so eingerichtet werden, daß die Erträge der Bondholder optimiert werden. Die dauerhafte Schollengebundenheit, welche die Hörigkeit des Pächters im historischen Rentenkapitalismus begründet wird, wird ersetzt durch einen hohen individuellen Verschuldungsgrad, verbunden Beschränkung oder gar Abschaffung des Bargeldgebrauchs sowie, über den Staat, einen hohen kollektiven Verschuldungsgrad. Noch vor wenigen Jahren interessierte es kaum eine Normalbürgerin, wie hoch die Pro-Kopf-Verschuldung des Staates war, nun muss sie, siehe Griechenland, damit rechnen, unverhofft voll in Kollektivhaftung genommen zu werden, wenn es der Großfinanz so richtig erscheint.

Setzt sich der Prozess der Finanzialisation mangels ausreichendem Widerstand fort und sollte er gar in einen neuen Rentenkapitalismus einmünden, dann werden im Zuge dieses Entwicklungsprozesses erzielte Profite immer weniger auf klassisch produktive Weise, im Sinne der Effektivierung von betrieblichen Produktionsfunktionen bzw. mit der Wirkung der Entwicklung der Produktivkräfte verwendet, sondern durch möglichst hohe, stabile und risikoarme versprochene Rendite in alle möglichen, von der Produktionssphäre oft weit abgehobenen „Finanzprodukte“ gelenkt.

Die von Marx und Engels schon im „Kommunistischen Manifest“ gewürdigte positive Potenz des Kapitalismus, die gesellschaftlichen Produktivkräfte, angetrieben durch das Profitmotiv bzw. die Notwendigkeit der Einzelkapitale, ständig produktives Kapital quantitativ zu akkumulieren und qualitativ zu verbessern, um im innerkapitalistischen Konkurrenzkampf bestehen zu können, wird schon durch die seit langem zu beobachtende (quasi-) monopolistische Vermachtung auf zahlreichen wichtigen „realwirtschaftlichen“ Märkten mit hohen Marktzutrittsschwellen reduziert. Die weitgehende Ausschaltung oder Abschwächung von effektiver Konkurrenz im Zuge der Herausbildung von Monopolen im Prozess der Zentralisation des Kapitals, meist in Gestalt von Kartellen bzw. „Kollektivmonopolen“ in Gestalt kooperativer Oligopolgesellschaften, verschafft den Eigentümern marktbeherrschungsbedingte „Monopolrenten“, die den Prozess der „Finanzialisation“ durch höhere Dividentenauschüttungen an die „Shareholder“ zusätzlich befeuern.

Durch die zunehmenden Zins- und Dividendenansprüche der Rentiers aus einem im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung überproportional wachsendem Finanzvermögen wird die „produktive Potenz“ des Kapitalismus weiter geschwächt und auf längere Sicht erstickt.

Generell wird die institutionelle Verbindung zwischen Profiten und Investitionen zunehmend aufgelöst: Agierte eine Aktiengesellschaft im „Stakeholderkapitalismus“, etwa rheinischer Prägung, im kapitalistischen Sinne effizient und fuhr hohe Gewinne ein, dann war das Management im Idealfall bestrebt, den größten Teil dieser Gewinne im eigenen Unternehmen möglichst effizient investieren, um damit die Überlebensfähigkeit der AG im kapitalistischen Konkurrenzkampf strategisch zu sichern. Es wurde eher klassisch, „realwirtschaftlich“ ausgerichtet, akkumuliert. Die Aktionäre waren’s zufrieden und die Aktienkurse relativ stabil. Im „Shareholderkapitalismus“ wird hingegen seitens der „Investoren“ von den AGs erwartet, dass sie nicht nur, egal mit welchen Mitteln, hohe Gewinne ausweisen, sondern diese auch weitgehend an die Aktionäre ausreichen. Entscheidet sich die AG nun dafür, strategisch notwendige Investitionen aus eigenen Mitteln zu Lasten von Dividendenzahlungen zu tätigen, fällt der Aktienkurs; die (Re-)finanzierungsbedingungen von Eigen- und Fremdkapital verschlechtern sich kurz- bis mittelfristig; Finanzgesellschaften, die die Aktien in ihren Portfolios haben, verlieren an Wert und sind verärgert, mit der Folge unschöner Analysteneinschätzungen in der Wirtschaftspresse usw., also einem Rattenschwanz u. U. existenzbedrohender Folgen.  

Die zunehmende Anlage von wachsenden Profiten bzw. generell Ersparnissen in oft äußerst intransparente Finanztitel und die zunehmenden Ansprüche an die Höhe der aus diesen Titeln abgeleiteten „Finanzrenten“, aber auch die Folgen gebrochener „Zahlungsversprechen“ werden letztlich unter den gegebenen Verhältnissen eines von den Finanzmärkten dominierten Kapitalismus vom produktiven, im marx’schen Sinne wertschaffenden Sektor der Ökonomie getragen. Die zunehmenden Profitansprüche der Grossrentiers, überdies verbunden mit ihrem überwiegend erfolgreich durchgesetzten Anspruch an die Politik, das individuelle Risiko ihrer Finanzanlagen weitgehend durch das Kollektiv aller Steuer- und Abgabenzahler bzw. Sozialleistungsbezieher tragen zu lassen, droht so die produktiven Potenzen der kapitalistischen Ökonomie langfristig zu ersticken.    

Die Situation der Euroländer wird zunehmend vergleichbar mit der eines Menschen, dem die EC-Karte nebst Geheimzahl gestohlen wurde, nur mit dem Unterschied, dass diese EC-Karte nicht gesperrt und das Konto nicht geschlossen werden kann. Der Dieb kann nun ungehindert nach Gusto und auf alle Zeit Erträge aus der Arbeitsleistung des Geschädigten abziehen. Bitter genug, das die Parlamente sich dafür hergeben, dem großen Dieb Finanzkapital als Hehler zu dienen. Die gesellschaftliche Planbarkeit in der nationalen Haushaltsführung, im Interesse des Erhalts und der Entwicklung notwendiger Infrastrukturen und existenzsichernder sozialer Leistungenicht durch den forlaufenden Appeasemenktkurs der Politik gegenüber dem Finanzsektor nachhaltig und schliesslich ohne revolutionäre Entwicklungen irreversibel geschädigt.



[1] Vgl. etwa zur Debatte um den Prozess der „Financialisation“ etwa Dünhaupt, Petra: Financialization and the rentier income share- evidence from the USA and Germany, IMK Working Paper 2/2010, mit vielen weiterführenden Literaturhinweisen.

[2] Vgl. Keynes, John Maynard: The General Theory of Employment, Interest and Money; Cambridge 1993, S.375 f

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